Die Scheune Bollewick – vom Gutshaus zur Kulturscheune
In Mecklenburg-Vorpommern prägten Gutsbetriebe über Jahrhunderte die ländliche Struktur. Vom 19. Jahrhundert bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg waren sie zentrale Akteure der Agrarwirtschaft und ihre meist adeligen Eigentümerfamilien bestimmten über das Leben der Menschen. Heute gibt es in Mecklenburg-Vorpommern noch über 2.000 Gutshäuser, Herrenhäuser, Schlösser und Burgen (Quelle: Hochschule Neubrandenburg).
Den Erhalt dieses (bau-)kulturellen Erbes und die Sanierung der meist denkmalgeschützten Gebäude gehen vielerorts Gemeinden wie auch private Akteur*innen (u.a. Vereine, Stiftungen) an, um die Gebäude einer neuen Nutzung zuzuführen.
So auch in Bollewick! Wir haben dort die größte Feldsteinscheune Deutschlands besucht und mit der Bürgermeisterin Antje Styskal sowie Doreen Hörning vom Scheunen-Management gesprochen. Bollewick ist auch für viele weitere, zukunftsweisende Entwicklungen und vielfältige Aktivitäten sehr bekannt und daher Ziel vieler Bildungsreisen, u.a. trägt die Gemeinde seit Jahren den Titel „Bioenergiedorf“.
Die größte Feldsteinscheune Deutschlands: Geschichte und Visionen
Die Geschichte beginnt im Jahr 1881, als Baron Wilhelm Adolf Theodor von Langermann in Bollewick bei Röbel an der Müritz entsprechend seiner Vision einer modernen Landwirtschaft das sogenannte „Landwunder“ errichten ließ: 125 Meter lang, 34 Meter breit, fast 10.000 Quadratmeter Nutzfläche. Die Scheune war ursprünglich Stallscheune für Schafhaltung, Lager und Wohnhaus in einem. Das Mauerwerk aus Feldsteinen wuchs pro Jahr einen Meter. Die Steine stammten von den umliegenden Feldern und wurden auf Steinplätzen bearbeitet, markiert und dann an der Scheune verbaut. Sehr gut sind die sogenannten Zwillingssteine zu erkennen, die durch das Spalten großer Steine entstanden.
Ende der 1920er Jahre wurde das Gut wegen wirtschaftlicher Schwierigkeiten aufgelöst. Die Siedlungsgesellschaft „Hof und Hufe“ aus Berlin teilte die Scheune und das dazugehörende Land auf sieben Siedlerfamilien auf, die sie für Viehhaltung und Futterlager nutzten.
Die Feldsteinscheune wurde Anfang der 1960er Jahre zwangskollektiviert und im Zuge des Umbaus in den 1970er Jahren von den Bauernfamilien abgekauft. Von 1968 bis 1991 nutzte die LPG „7. November“ das imposante Gebäude als Milchviehanlage mit 650 Kühen und offenen Güllelagern. Das Dorf war durch den Güllegestank sehr belastet. Die schlechten Haltungsbedingungen in einer Landwirtschaft, die Effizienz über Tierwohl stellte, hinterließen Spuren an den Gebäuden, bei den Tieren und den Menschen.
Nach der der politischen Wende wurde die LPG „7. November“ liquidiert. Die Liquidatoren konnten die große Scheune auf Grund des maroden Zustandes nicht veräußern und boten das Gebäude der Gemeinde Bollewick als eine Schenkung an. Die Scheune, nun Altlast, stellte die Gemeindevertretung vor große Herausforderungen. In der Zeit des Umbruchs gab es viele Überlegungen, wie die große Scheune genutzt werden könnte; Investoren für eine gewerbliche Nutzung als Möbelhaus oder Baumarkt konnten nicht überzeugt werden.
Der damals frisch gewählte Bürgermeister Bertold Meyer, dessen Großvater einst zu den Siedlerfamilien gehörte, erkannte das Potenzial des Bauwerks und kämpfte für den Erhalt.
„Seine Vision und Initiative hat nach der Wende vor 30 Jahren
aus seiner großen Verbundenheit mit der Scheune begonnen.““
(Antje Styskal)
Bürgermeister Meyer konnte die Gemeindevertretung überzeugen, die Scheune neu zu nutzen, auch wenn er mit Gegenwind zu kämpfen hatte. Unterstützt wurde er dabei von der Künstlerfamilie Löhlein und seinem Freund Werner Schinko, dem bekannten Illustrator und Künstler. Gemeinsam entwickelten sie die Idee, einen Ort für die Vermarktung regionaler Produkte, Kultur, Kunst und Kunsthandwerk aus der Region zu schaffen. Damit legten sie den Grundstein für eine der eindrucksvollsten Wiederbelebungen im ländlichen Raum Mecklenburgs.
Sanierung – Stein für Stein ins neue Leben
Bürgermeister aus der Region und der Landrat gründeten 1991 die Arbeits- und Ausbildungsinitiative Röbel e.V. um der stark angestiegene Arbeitslosigkeit entgegenzuwirken, Sitz dieses Vereins wurde die Feldsteinscheune in Bollewick, Bertold Meyer übernahm die Geschäftsführung. Ab 1992 wurde entkernt, gereinigt, Altlasten und Abraum auch der angrenzenden Flächen und den Güllelagunen wurden entsorgt. Dabei fanden viele der ehemaligen LPG Arbeiter*innen aus der gesamten Region eine neue Arbeitsstelle. Über die Arbeits- und Ausbildungsinitiative Röbel e.V. wurde nicht nur Arbeit in vielen regionalen Projekten organisiert, sondern jüngere Menschen konnten hier auch verschiedene Ausbildungen absolvieren.
1997 erhielten Verein und Gemeinde für diese Leistung unter anderen den Tassilo Tröscher-Preis der Agrasozialen Gesellschaft e.V. in Göttingen.
Die Zeit nach der Wende bot die Chance, neu zu denken und Dinge einfach auszuprobieren, sodass die Gemeinde die Planungsphase zügig umsetzte. In den folgenden Jahren wurde Raum um Raum erneuert. Bei der Sanierung wurden z. B. alte Fenster, Türen und Dachziegel aus Abrisshäusern aus der Umgebung verbaut, vor allem in der heutigen „Markthalle“ ist dies heute zu sehen. So ist auch in den Räumlichkeiten im Inneren der Scheune ein historischer Charakter entstanden. Gefördert wurde die Sanierung über EU-, Landes- und Denkmalschutzprogramme (u. a. LEADER) und auch kommunale Eigenmittel. Der Denkmalschutz bewahrte das charakteristische Feldsteinmauerwerk, ließ aber Gestaltungsfreiheit im Inneren.
Die Sanierung der Feldsteinscheune schuf Identität und holte die Menschen aus der „Schockstarre“ der Wendeerfahrung, des Umbruchs und der Schließungen.
„Nach der Zeit des Stillstands ging es weiter,
es ging vorwärts und es wurde etwas Neues geschaffen.
Die Menschen machten die Erfahrung ‚Wir können auch etwas gut!‘
Mit der Sanierung haben sie die Tradition aufrechterhalten.“
(Antje Styskal sowie Doreen Hörning)
Durch die Anstellung in der Arbeits- und Ausbildungsinitiative Röbel e.V. und die vielfältigen Arbeiten und Aufgaben in der Scheune qualifizierten sich viele Beschäftigte und wurden befähigt, sich selbstständig zu machen. In der Folge entwickelten sich neue Betriebe in der Region.
Nach der Wende fehlte es in der Region an Infrastruktur. Wie groß das Interesse an kulturellen Angeboten war, zeigte sich bei den ersten Veranstaltungen 1994. Die Kulturscheune Bollewick erlebte einen enormen Besucheransturm: Zur ersten Veranstaltung, der „Messe made in Mecklenburg“ kamen an vier Tagen 6.000 Gäste, den Ostermarkt 1996 besuchten dann schon 10.000 Gäste an zwei Tagen. Auch bei den Veranstaltungen arbeiteten viele Menschen zumeist ehrenamtlich mit. Die Scheune wurde zum Anker mit großer Strahlkraft in die Region.
1993 musste das Dach nach einem schweren Sturmschaden vollständig saniert werden. Eine Investition, die die Gemeinde über Zahlungen der Versicherung sowie Kredite finanzierte. Im Zuge der Dachsanierung erfolgte auch der Ausbau des ersten Obergeschosses.
Nutzung – Unternehmen, Kunst, Kultur, Dorfgemeinschaft und Tourismus unter einem Dach
Heute ist die Scheune Bollewick ein lebendiges Zentrum für Handwerk, Kultur, Bildung und Begegnung und den Landtourismus. Sie wird von der Gemeinde mit einem Konzept aus Ladenzeile und Büroräumen in Mietverhältnissen mit geringen Quadratmeterpreisen bewirtschaftet. Auf zwei Etagen beherbergt sie:
- Läden mit regionalen Produkten und Kunsthandwerk
- Ateliers, Werkstätten und Praxen
- Büros von u. a. Technik- oder Dienstleistungsunternehmen
- Gastronomie und das Hotel „Scheunen-Domizil“
- Ausstellungs- und Veranstaltungsräume für Märkte, Tagungen, Konzerte und Hochzeiten
- Räume für Vereine und Bildungsangebote
Das Konzept ist für Unternehmen attraktiv, sodass Leerstand kein Problem darstellt. Der Hotel- und Restaurantbetrieb war kurze Zeit ohne Pächter, wird aber seit Mai 2025 fortgeführt. Durch diese Nutzungskombination aus Wirtschaft, Kultur, Hotelbetrieb, Tourismus und Regionale Vermarktung schafft die Scheune Bollewick eine breite Basis – sowohl finanziell als auch gesellschaftlich.
Das Haus wird von einem festen Team bewirtschaftet: vier Teilzeitkräfte im Scheunenmanagement, ein Bundesfreiwilligendienstleistender und zwei Teilzeit-Hausmeister kümmern sich um den laufenden Betrieb. Im Vergleich zu den 1990er Jahren gibt es deutlich weniger Ehrenamt.
„Die Scheune lebt von den Menschen, die hier arbeiten,
die sich mit Herzblut einsetzen, für die Zukunft neues zu entwickeln
und überlegen, wohin es gehen soll.“
(Doreen Hörning)
Rund 70 Arbeitsplätze hängen direkt oder indirekt an der Scheune, in der Gemeinde wie bei den Betrieben, (Dienstleistungs-)Unternehmen und Ladengeschäften. Viele Mieter sind seit Jahrzehnten hier – ein Zeichen wirtschaftlicher Stabilität. Eines der ersten Geschäfte war der Bauernladen (1994) mit seinem Sortiment regionaler Produkte, dass bald um Deko-Artikel u. ä. für die Zielgruppe Tourismus erweitert wurde. Mit ihrer einzigartigen Architektur ist die Scheune Bollewick ein Leuchtturm des Landtourismus. Jährlich kommen rund 120.000 Besucherinnen und Besucher (Quelle: Heinrich-Böll-Stiftung MV).
„Unsere Saison dauert von Ostern bis Dezember.
Ohne Touristen ginge es nicht.“
(Doreen Hörning)
Als regionale Sehenswürdigkeit sorgt die Scheune mit ihrer Vielfalt an Angeboten und Aktivitäten dafür, dass Gäste das Land erleben können. Aktionen wie die historische Leinen-Aktion „Hier wurde Flachs gebrechelt“ machen Geschichte greifbar und zeigen handwerkliche Traditionen. Die Zusammenarbeit mit den Tourismusverbänden gestaltet sich indes schwierig – dort liegt der Schwerpunkt auf der Küste, während die Müritzregion weniger präsent ist. Viele Projekte, die in Bollewick angestoßen wurden, kommen dadurch nicht zum Abschluss.
„Wir sind infrastrukturell sehr wichtig –
das sehen die Tourismusverbände nicht so.“
(Antje Styskal)
Deshalb schaut man über die Landesgrenze hinaus: Gemeinsam mit Wittstock in Brandenburg, das nach der Landesgartenschau 2019 eine sehr positive Entwicklung genommen hat, werden neue Projekte vorbereitet.
Seit ihren Anfängen als Raum für Kultur und Kunsthandwerk hat sich die Scheune als Veranstaltungsort etabliert. Der Ostermarkt, der Adventsmarkt und zahlreiche Kunsthandwerkermärkte sind von hoher Bedeutung für die Region und den Tourismus. Messen regionaler Verbände, Flohmärkte u.v.m. finden statt. In der Alten Schmiede hat das Standesamt einen Sitz und Hochzeiten werden auf der Tenne gefeiert. Höhepunkte im Jahr sind Konzerte des Landesjugendorchesters und das traditionelle Adventskonzert mit der Neubrandenburger Philharmonie.
Kultur und Kunst aus der Region sind nach wie vor zentral für das Leben in der Scheune, die durch dauerhafte (u. a. von Werner Schinko) wie auch wechselnde Ausstellungen Kunst auf dem Land sichtbar macht. Ein neuer Kontakt konnte mit dem Museumsverband für die zukünftige Arbeit geknüpft werden.
Des Weiteren dienen die Räume in der Scheue auch als Dorfgemeinschaftshaus, genutzt von unterschiedliche Gruppen aus dem Dorf für Yoga- oder Sportkurse uvm. Eine neue Gruppe „Silversurfer“ übt gemeinsam den Umgang mit digitaler Technik. Der Tanztee, einmal im Monat, eine Veranstaltung gegen die Einsamkeit im Alter, wird rege genutzt. Im Dorf haben sich zudem aktive Frauen zusammengefunden, die in der Scheune ein Dorffrühstück oder Laternenfest veranstalten.
Die fortwährende Herausforderung ist, für die unterschiedlichen Zielgruppen – Gäste von außen, die Bevölkerung vor Ort – passende Angebote zu entwickeln. Hier setzen die neuen Kooperationen im Bereich Bildung mit Schulen, der Kirche und auch Hochschulen an: Die Hochschule Neubrandenburg kommt für Tagungen oder Seminare ebenso die Universität Wismar.
„Wir zeigen, dass es geht,
auch große Tagungen am Land zu machen.“
(Doreen Hörning)
Ein häufiges Problem bleibt allerdings die ländliche Lage. Viele denken, der Ort sei schwer zu erreichen – doch daran wird aktiv gearbeitet. Das Amt Röbel hat den Nachbarschaftsbus als Ergänzung zum öffentlichen Nahverkehr eingeführt. So bleiben Menschen aus Bollewick und den umliegenden Dörfern mobil, auch wenn sie noch nicht oder nicht mehr Autofahren können. Eine Anbindung besteht außerdem über die Bahnstation in Wittstock und in Waren an der Müritz und weiter mit dem Bus nach Röbel.
Wirtschaftlicher Betrieb und Förderung
Die Scheune ist ein Ort vielfältiger Nutzung – ein Haus mit Geschäften, Veranstaltungsräumen und kulturellem Leben. Die gemischte Nutzung trägt entscheidend zur Stabilität bei. Den Betrieb bewältigt die Gemeinde durch die Einnahmen aus den Vermietungen, den Veranstaltungen sowie der PV-Anlage auf dem Dach. Auch gewerbliche Steuereinnahmen fließen ein. Sie ist damit ein gutes Beispiel für die Kombination von Fördermitteln und Wirtschaftsbetrieb. Die Gemeinde erreicht so Unabhängigkeit und Stabilität. Ziel bleibt es, das Gebäude zu erhalten – einige bauliche Maßnahmen stehen an. Die Akquise von Fördermitteln ist Hauptaufgabe der Bürgermeisterin, denn die verfügbaren Mittel sind knapp. Auch um Projekte umzusetzen, bemüht sie sich kontinuierlich um passende Fördermittel. Dabei macht sie die Erfahrung, dass der Zugang zu Förderung zunehmend schwieriger wird:
„Wenn sie nach Förderung fragen, heißt es oft:
Bollewick hat schon alles.
Ein Musterdorf zu sein, ist nicht immer gut.“
(Antje Styskal)
Aktuell sind Förderprogramme stärker auf Innovation und Partizipation ausgerichtet und weniger auf Bestandsführung oder Gebäudeerhaltung.
„Für neue Türen gibt es kein Förderprogramm.“
(Antje Styskal)
Erfolgreich war hingegen die Teilnahme an der Initiative „Neulandgewinner“ – mit den dort erhaltenen 50.000 Euro Fördermitteln konnten Bildungsangebote ausgebaut und nötiges Inventar angeschafft werden. Solche Fördermöglichkeiten fehlten.
„Um einen modernen Auftritt in historischen Mauern zeigen zu können,
bedarf es der Pflege und Weiterentwicklung der Scheune Bollewick.
Unser Ziel ist, als Ort der nachhaltigen Begegnung
für vielfältige Aktivitäten in einer modernen
ländlichen Gemeinschaft bestehen zu können“
(Antje Styskal)
Die Scheune steht baulich stabil, doch Modernisierung und Personalbindung bleiben Themen. Die Vision: Die Scheune bleibt ein Ort, an dem Geschichte, Nachhaltigkeit und Gemeinschaft unter einem Dach leben – ein Beispiel dafür, dass ländlicher Raum Zukunft hat, wenn Menschen Verantwortung übernehmen.
Mecklenburgische Seenplatte
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