Abtei Marienmünster
von der Klosteranlage zum lebendigen Kulturort
Die ehemalige Benediktinerabtei Marienmünster im Norden des Kreises Höxter ist eine der am besten erhaltenen historischen Klosteranlagen Westfalens und lockt heute als Kultur- und Begegnungsstätte zahlreiche Touristen sowie Kultur- und Musikbegeisterte an. Träger ist die 2006 gegründete Kulturstiftung Marienmünster, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, den Erhalt der Klosteranlage zu sichern und Wissenschaft, Kunst und Kultur zu fördern. Vor Ort haben wir mit Hans Hermann Jansen gesprochen. Der Musiker kam vor über 35 Jahren in die Abtei und ist dort seitdem u. a. als Kulturmanager und Leiter der Kulturstiftung Marienmünster tätig.
Strukturwandel und Leerstand
Die Abtei Marienmünster wurde im Jahr 1803 nach über 650 Jahren klösterlichem Leben in Folge der Säkularisation aufgelöst und ihr Besitz verstaatlicht. Während die Pfarrkirche St. Jakobus im staatlichen Besitz blieb und nach wie vor von der Kirchengemeinde genutzt wird, wurde der westliche Teil der Anlage an verschiedene Privateigentümer verkauft, welche die Gebäude bis in das 21. Jahrhundert landwirtschaftlich nutzten. Aus dem Besitz der Familie Derenthal entstand 1817 die Derenthal’sche Stiftung, die sich später dem Erhalt der Klosteranlage widmete. Nachdem in den 1990er Jahre Teile des Wirtschaftshofes aufgegeben werden mussten, standen die drei Scheunen im Westen der Abtei leer. In Kombination mit dem schlechten baulichen Zustand erhöhte sich der Handlungsdruck, die Scheunen für die Zukunft zu sichern und wieder zu beleben.
Hans Herrmann Jansen beschreibt außerdem, wie die Abtei Ende des 20. Jahrhunderts von einem Konglomerat an Nutzer*innen und Besitzer*innen geprägt war.
„Wir haben festgestellt, dass dieser als Gesamtkorpus gedachte Zusammenhang im Jahr 1803 völlig zerstört wurde und in viele Partikularinteressen zerfiel.“
Kulturstiftung Marienmünster – mit Stifter-Identität zum Kulturort
Im Jahr 1999 begannen die Beratungsgespräche mit den Eigentümer*innen und Anwohner*innen der Abtei gemeinsam mit der Stadt Marienmünster, dem Regierungspräsidium Detmold sowie dem Amt für Denkmalpflege in Bezug auf eine sinnstiftende Nachnutzung und Rettung der denkmalgeschützten Scheunen. Inhaltlich sollte die neue Nutzung dem Charakter eines Klosters entsprechen und als Ort der Gemeinschaft, Bildung und Kultur weitergedacht werden. Auf dieser Grundlage wurde die Idee, den ehemaligen Wirtschaftshof als Begegnungs- und Bildungsstätte zu etablieren, geboren. Über die Zeit hat sich ein musikalischer Schwerpunkt etabliert. Hintergrund war die bereits seit 1993 in der Abtei aktive Gesellschaft der Musikfreunde der Abtei Marienmünster e.V., welche es sich, ebenfalls unter der Führung von Hans Hermann Jansen, zur Aufgabe gemacht hat, das musikalisch-literarische Leben vor Ort zu unterstützen.
2006 wurde die Kulturstiftung Marienmünster als Betreiberin der Kulturstätte gegründet. Eine wichtige Rolle spielte dabei die Derenthal’sche Stiftung, welche die Kulturstiftung nicht nur gründete, sondern ihr auch die Scheunen, bestehend aus Schafstall, Reisescheune und Ackerhaus, zur Verfügung stellte. Hans Hermann Jansen betont, wie wichtig die Gründung einer gemeinnützigen Stiftung für das Vorhaben war, um die Finanzierung und den kulturellen Auftrag langfristig zu sichern. Gleichzeitig trägt die Stiftung laut ihm zur gemeinschaftlichen Identität bei.
„Das war für mich eben auch klar, dass es eine exemplarische Entwicklung auch im ländlichen Raum immer nur durch diese Stifter-Identitäten gibt.“
Mit der Kulturstiftung wird außerdem das Ziel verfolgt, die seit der Verstaatlichung des Klosters entstandenen verschiedenen Interessen zusammenzuführen. Vor diesem Hintergrund pachtete die Kulturstiftung weitere Gebäude und Flächen, wie den Klostergarten, welcher 2014 durch die Stiftung in seinen historischen benediktinischen Zustand gebracht wurde. In den 1990er Jahren hatte Hans Hermann Jansen außerdem damit begonnen, leerstehende Wohnungen auf dem Anwesen durch die Ansiedelung von Künstler*innen wiederzubeleben. Aus dieser Entwicklung entstanden vielfältige Nutzungspotenziale.
Von Schweinestall zum Konzertsaal – die Sanierung
Mit dem Ziel, möglichst viel der ursprünglichen Bausubstanz und den historischen Charakter zu erhalten, wurde 2004 mit den Sanierungsarbeiten begonnen. Die Scheunen dienten zuletzt als Lager und Schweineställe. Die früheren Innenwände der Ackerscheune waren bereits entfernt worden und so konnte sie ohne eine Beschädigung der historischen Bausubstanz in einen Konzertsaal verwandelt werden. Kernaufgabe der behutsamen Restaurierung war die Erneuerung der über 300 Jahre alten, sanierungsbedürftigen Dächer aus Wesersandsteinplatten. Diese wurden mit regionaltypischen Solling-Sandsteinplatten neu eingedeckt. Ergänzt wurde die Sanierung mit einem modernen Zwischenbau, der die drei Scheunen verbindet und die historische Architektur durch einen zeitgenössischen Stil abrundet.
2007 konnte die erste, 2010 die zweite und 2013 die dritte Scheune eröffnet werden. Für die spätere kulturelle Nutzung der großen Räumlichkeiten war außerdem der Einbau eines modernen Energiesystems wichtig. Mit der Wandtemperierung, kombiniert mit einer Biogasanlage, kann heute zuverlässig und nachhaltig geheizt werden.
Hans Hermann Jansen berichtet von einer gelungenen Sanierungsphase, die von einer guten Zusammenarbeit und einer großen Solidarität geprägt war. Die Derenthal’sche Stiftung war über den gesamten Zeitraum Bauherrin. Beteiligt waren außerdem die Stadt, der Kreis als untere Bauaufsichtsbehörde und die Bezirksregierung Detmold. Hinzu kamen viele ehrenamtliche Helfer*innen aus der Umgebung und der Region, die durch ihre hohe Solidarität und Identifizierung mit den Zielen der Kulturstiftung insgesamt über 600.000 Stunden Arbeit geleistet haben.
Finanzierung zwischen privatem Engagement und Förderungen
Die finanzielle Grundlage für die Umnutzung der drei Scheunen, mit einem Gesamtvolumen von knapp 5 Mio. €, bildet eine gemischte Finanzierungsstruktur, bei der öffentliche und private Mittel miteinander kombiniert wurden.
Eine Schlüsselrolle spielte das private Engagement der Derenthal’schen Stiftung, welche neben den Gebäuden auch Barvermögen einbrachte und die Gründung der Kulturstiftung mit einem Startkapital von 50.000 € ermöglichte. Gleichzeitig wurden für die Umnutzung verschiedene öffentliche Fördermittel genutzt. Der mit Abstand größte Anteil von 3 Mio. € konnte durch die Städtebauförderung abgedeckt werden. Weitere Sanierungsmaßnahmen wurden von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, dem Regionalen Wirtschaftsförderungsprogramm (RWP) und der NRW-Stiftung gefördert. Eine große finanzielle und psychische Belastung stellten die unvorhersehbaren zusätzlichen Kosten dar, welche nicht förderfähig und durch die Städtebauförderung nicht abgedeckt wurden. Daraufhin musste die Familienstiftung Schulden in Höhe von 1,5 Mio. € aufnehmen.
„Die Familienstiftung war schachmatt
durch die Städtebauförderung.
Das war also eine Investitionsfalle,
wenn man ganz ehrlich sein will.
Die Eigenanteile wurden immer höher.“
Hans Herrmann Jansen hätte sich vor diesem Hintergrund ein Controlling für die Vorhaben der verschiedenen beteiligten Institutionen, Architekten und Bauleute gewünscht, um eine bessere Kalkulation der Kosten zu gewährleisten.
Aktuell ist Marienmünster eine von 30 Regionen, die in der derzeitigen Förderphase von 2023 bis 2030 durch das Bundesprogramm Aller.Land gefördert werden. Mit dem Ziel, die Themen der Kulturstiftung neu zu denken und zukunftsweisende Mechanismen der Zusammenarbeit zu erproben, erhält die Stiftung eine 100 %-Förderung von 1,5 Mio. €, wobei die zehn Prozent Eigenanteil vom Land Nordrhein-Westfalen übernommen werden.
Auch die ehrenamtliche Hilfe bildet einen wichtigen Teil des Finanzierungskonzeptes. Die Kulturstiftung wird ausschließlich ehrenamtlich betrieben. Aktuell gibt es rund 30 Mitarbeiter*innen, die auf ehrenamtlicher Basis die anfallenden Aufgaben, wie die Gästeführung, Gartenarbeiten oder die Programmentwicklung übernehmen. Während die Kulturstiftung Marienmünster u. a. für die organisatorischen, finanziellen und baulichen Rahmenbedingungen zuständig ist, kümmert sich die Gesellschaft der Musikfreunde um die inhaltliche und künstlerische Arbeit.
Hinzu kommen Einnahmen durch Spenden, Zustiftungen, Kulturveranstaltungen und Gebäudevermietungen, die den alltäglichen Betrieb ermöglichen.
Netzwerke als Motor der Kulturarbeit
Die unterschiedlichen regionalen und überregionalen Netzwerke sind ein zentraler Bestandteil der Kulturarbeit der Stiftung. Hans Hermann Jansen beschreibt, wie wichtig es ist, die Abtei Marienmünster gemeinsam mit den weiteren klösterlichen Einrichtungen der Region zu denken. 2009 hat er in diesem Kontext das Netzwerk Klosterlandschaft OWL ins Leben gerufen, das als ein kulturtouristisches Netzwerk die Klöster in Ostwestfalen-Lippe verknüpft und nachhaltige Zusammenarbeit ermöglicht.
„Allein die Tatsache, dass es dort Parallelentwicklungen gibt,
ist natürlich ermutigend. Wir schaffen keine Konkurrenz,
sondern im Endeffekt Beteiligung und Wahrnehmung.“
Aber auch Netzwerke, die Hans Hermann Jansen im Laufe seiner Karriere als Musiker aufbauen konnte, spielen eine wichtige Rolle.
„Im Endeffekt sind sie als Künstler wie die Bienen hierhergekommen
und haben dementsprechend viel zu der Gemeinschaftsaufgabe geleistet.
Kunst im Allgemeinen oder kulturelle Nutzung kostet nicht nur,
sondern bringt auch einen unglaublichen Multiplikationseffekt.“
Darüber hinaus ist die Abtei in regionale Kulturpartnerschaften wie das regionale Kulturprogramm (RKP), Urban Land OWL oder auch die LEADER-Region eingebunden. Aktuell bringt auch Aller.Land neuen Schwung in das Netzwerk. Durch die hinzugewonnene Bekanntheit und den Fokus des Förderprogrammes auf Beteiligung und Gemeinschaft können wieder neue Kontakte geknüpft werden. In diesem Kontext arbeitet die Kulturstiftung aktuell an der Zusammenarbeit mit einer jüngeren Zielgruppe. Geplant sind Kooperationen mit der Hochschule OWL und weiteren Grund- und Musikschulen.
Die Abtei als kulturelle Begegnungs- und Veranstaltungsstätte
In den letzten 20 Jahren konnten sich die drei Scheunen des ehemaligen Wirtschaftshofes als kulturelle Begegnungs- und Veranstaltungsstätte mit musikalischem Schwerpunkt etablieren. Dank ihrer guten Akustik finden in der ehemaligen Ackerscheune heute regelmäßig hochrangige Konzerte statt. Auch für professionelle Tonaufnahmen kann der Konzertsaal genutzt werden. Die Reisescheune und der Schafstall können ebenfalls für verschiedene Veranstaltungen und private Feiern gemietet werden. Über das Jahr finden verschiedene Workshops, Seminare, Konzerte, Aufführungen und Chor-Veranstaltungen statt. Im Sommer steht z. B. das Klosterfestival vor der Tür. Zum Zeitpunkt unseres Besuches wurde außerdem eine Fotoausstellung aufgebaut. Die Kulturstiftung versteht sich darüber hinaus als offenes Haus, in dem Menschen die Möglichkeit bekommen, sich kreativ zu entfalten. Dabei stehen Gemeinschaft, Kommunikation und Demokratiebildung im Fokus. Auch Kinder und Jugendliche werden gezielt in das Konzept eingebunden. Über Angebote für Schulklassen bekommen Kinder die Möglichkeit, das Haus kennenzulernen und selber aktiv zu werden. Dazu findet regelmäßig ein Ferientheater statt, bei dem Kinder und Jugendlichen gemeinsam ein Musiktheaterstück einstudieren und anschließend aufführen.
„Aus einem Lost Place haben wir im Grunde
dieses Dornröschenerlebnis gemacht.“