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Blogbeitrag

Kunstkirche Uthleben – mit Kunst zum neuen Leben

Kirchen sind ein fester Bestandteil des Dorfbildes durch ihre zentrale Lage im Ortskern und ihre architektonische und baukulturelle Vielfalt. Für viele historisch gewachsene Dörfer sind sie wichtige Zeugnisse der Geschichte und als sozialer und identitätsstiftender Mittelpunkt von großer Bedeutung für die Dorfgemeinschaft. Die fortschreitende Säkularisierung führt jedoch vielfach zu einer geringeren Nutzung. Diese Entwicklung erfordert ein Umdenken und einen Wandel für Kirchen in ländlichen Räumen hin zu neuen Funktionen und Nutzungsmöglichkeiten.

Ein Ort, an dem dieses Umdenken bereits Früchte getragen hat, ist die Kunstkirche Uthleben. Hier konnte die Kirchengemeinde die Kirche als lebendigen Ort für kreative und generationenübergreifende Projekte etablieren. Um mehr über das Projekt zu erfahren, haben wir uns auf den Weg in den Ortsteil der Landgemeinde Stadt Heringen/Helme in Thüringen gemacht. Vor Ort haben wir unter anderem mit Sandra Hesse, der Projektleiterin der Kunstkirche, mit der Kirchenratsvorsitzenden Dagmar Ullrich und mit dem Gemeindebürgermeister Matthias Marquardt gesprochen.

St. Petrus Kirche in Uthleben

Dorfkirche neu gedacht

Die evangelische Dorfkirche St. Petrus in Uthleben hat für die Menschen der Ortschaft eine wichtige historische und kulturelle Bedeutung. Gleichzeitig machen die sinkenden Mitgliederzahlen auch der Uthlebener Kirchengemeinde zu schaffen. Dagmar Ullrich und Sandra Hesse berichten, dass neben den Gottesdiensten nur noch sehr selten rein kirchliche Veranstaltungen stattfinden und die Räumlichkeiten wie vielerorts kaum noch angemessen genutzt werden. Der Anteil der Einwohner*innen, die erreicht werden, sinkt.

„Viele Gebäude und vor allem Kirchen stehen leer.
Die ganze Woche über ist dort kein Leben zu sehen.
Das sind wunderschöne Gebäude.“
(Sandra Hesse)

Gleichzeitig verschwindet die Bereitschaft der Ortsgemeinschaft, die Kirche finanziell zu unterstützen oder sich ehrenamtlich zu engagieren, was den Fortbestand der Kirche weiter belastet.

„Durch die vielen Kirchenaustritte erhalten wir
als Kirchengemeinde natürlich auch weniger Geld.
Dann müssen wir natürlich schauen: Entweder wir schließen den Laden
oder wir entwickeln ein tragfähiges Finanzierungskonzept.“
(Sandra Hesse)

Vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen stand für die Kirchengemeinde fest: Die Kirche braucht einen neuen Ansatz, der wieder mehr Menschen erreicht und die Gemeinschaft stärkt.

„Grundsätzlich denke ich, dass die Gesellschaft umdenken muss.
Ein Umdenken wird kommen, denn das Problem betrifft nicht nur die Kirchen,
sondern auch die Vereine und viele andere Bereiche.“
(Matthias Marquardt)

Aus diesem Umdenken entwickelte die Gemeinde das Konzept der Kunstkirche. Mit der neuen Nutzung ist die Kirche St. Petrus zu einem offenen, frei zugänglichen Ort für Kunst, Kultur und Gemeinschaft geworden. Die neuen künstlerischen Angebote senken die Hemmschwelle zur Kirche, erreichen Menschen unabhängig von ihrem Glauben und stärken die Gemeinschaft.

Die Idee für Kunstveranstaltungen entstand während der Corona-Pandemie. Der damalige Pfarrer und Kirchenratsmitglied Sandra Hesse sammelten zu dieser Zeit erste Ideen für Workshops und beschäftigten sich intensiv mit der Kirche und ihrer kunsthistorischen Ausgestaltung, u. a. der Kirchenmalerei rund um das Kirchenschiff. 2021 konnten daraufhin die ersten kleineren Kunstworkshops realisiert werden. Seitdem wurde das Angebot kontinuierlich erweitert und das Konzept weiter ausgearbeitet. Sandra Hesse übernimmt die Projektleitung im Ehrenamt.

Biblische Bilder rund um das Kirchenschiff

Heute gibt es neben den Kunstworkshops verschiedene Angebote und Veranstaltungen, darunter Klangwerkstätten und Theaterprojekte. Im Fokus stehen kreative Projekte mit generationsübergreifender Wirkung. Dabei werden auch künstlerische Praktiken mit religiösen Themen verknüpft. Darüber hinaus haben sich unterschiedliche Workshop-Formate, wie die Kunst-Kirchen-Camp-Woche oder die Ferien-Woche etabliert. Zuletzt fand die Ferien-Woche unter dem Motto „Altes Holz neu gedacht“ statt. Im Rahmen eines Holz-Upcycling-Projekts entstanden dabei aus alten Sitzbänken und Holzdielen neue Kunstwerke. Diese sind dauerhaft in der Kirche zu sehen.

Künstlerisch gestaltete Holzbänke in der Kirche
Ergebnisse des Kunstcamps am 10/11 Juli 2023

Des Weiteren hat sich ein offener Treffpunkt in Form eines Seniorencafés etabliert. In den kirchlichen Gemeinschaftsräumen können Interessierte niedrigschwellig zusammenkommen.

„Wir holen sozusagen auch die Menschen ab,
die allein sind und gar keinen Grund haben, irgendwohin zu gehen,
weil es hier kaum Treffpunkte gibt.“
(Sandra Hesse)

Auch für die Zukunft sind weitere Angebote in Planung: Mit Bildungsworkshops für regionale Kindergärten und Schulen soll dem Mangel an Lehrkräften an den Schulen und dem Unterrichtsausfall in den Fächern Kunst, Musik und Geschichte begegnet werden.

Sandra Hesse berichtet, dass darüber hinaus auch die Anwohner*innen oft neue Ideen für Angebote haben. Cocktailabende, Konzerte, das gemeinsame Aufstellen von Domino-Steinen oder auch ein Podcast sind schon Thema gewesen.

Die Entwicklung der Kunstkirche – von Preisen zu Coaching

Im Jahr 2024 wurde das Engagement der Kirchengemeinde mit dem Justus-Jonas-Preis gewürdigt, einer Auszeichnung, welche jährlich vom Evangelischen Kirchenpreis Südharz vergeben wird. 2025 konnte das Projekt als Gewinner des „Ideenkarussell“ der Evangelischen Kirche auch deutschlandweit ein Zeichen setzen.

Im selben Jahr folgte die Bewerbung durch Sandra Hesse bei startsocial für ein Beratungsstipendium. Startsocial wird von der gemeinnützigen Organisation startsocial e.V. getragen, die jährlich einen Wettbewerb ausschreibt. Mit dem Gewinn erhielt die Kunstkirche neben 99 weiteren sozialen Initiativen von November 2025 bis Februar 2026 ein professionelles Coaching. Mit dessen Hilfe wurden die Ziele und Herausforderungen der Kunstkirche ermittelt und Schwerpunkte gesetzt. Entstanden sind dabei Arbeitsgruppen und ein Ehrenamtskonzept, welche dabei helfen sollen, die anstehenden Aufgaben ohne Überlastung der Helfenden zu koordinieren. In naher Zukunft ist in diesem Zusammenhang eine Informationsveranstaltung für sämtliche ehrenamtlichen Helfer*innen geplant. Ziel der Veranstaltung ist es unter anderem, die Kapazitäten der Ehrenamtlichen zu ermitteln und weitere Unterstützung zu generieren.

Auch ein Kommunikationskonzept wurde währen der Coaching-Phase entwickelt. Die dabei ausgearbeitete regionale Öffentlichkeitsarbeit fokussiert sich vor allem auf Wurfsendungen per Post. Darüber hinaus werden Facebook, Instagram und Statusmitteilungen bei WhatsApp zur Informationsverbreitung genutzt. Zusätzlich können Informationen schnell über eine Dorf-App verbreitet werden. Sandra Hesse beschreibt, dass die Nutzung von bereits vorhandene Informationsplattformen gut funktioniert, da die Betreuung und Koordination einer eigenen Website deutlich mehr Zeit kosten würde.  

Über das Coaching hinaus bietet das startsocial-Stipendium der Kunstkirche durch die Aufnahme in das Alumni-Netzwerk einen nachhaltigen Mehrwert. Es eröffnet neue Vernetzungsmöglichkeiten mit anderen sozialen Initiativen und Akteuren des Non-Profit-Sektors und trägt dazu bei, die Sichtbarkeit der Initiative langfristig zu erhöhen.

Finanzierung – eine starke Dorfgemeinschaft und Ehrenamt als Erfolgsrezept  

Für die finanzielle Absicherung der Kunstkirche ist es wichtig, breit aufgestellt zu sein. Dazu gehört neben den Teilnahmebeiträgen, Fördermitteln Sponsoren und Spenden vor allem die ehrenamtliche Unterstützung durch die Anwohner*innen. Insgesamt gibt es über 50 Helfer*innen im Ort die z. B. Kuchen backen, den Rasen mähen oder den Grill „anschmeißen“. Auch die Leitung der verschiedenen künstlerischen Workshops und Veranstaltungen wird nach einer zuvor erfolgten Schulung von Ehrenamtlichen übernommen. Die Qualifizierung der Ehrenamtlichen wird durch das Mikroförderprogramm der Deutschen Stiftung für Engagement und Ehrenamt (DSEE) unterstützt. Bis einschließlich 2024 konnten hierfür Fördermittel von bis zu 2.500 € pro Projekt beantragt werden. Seit der Neuausrichtung des Förderprogramms im Jahr 2025 beträgt die maximale Fördersumme 1.500 € pro Organisation und Kalenderjahr. Die starke Dorfgemeinschaft bildet eine wesentliche Grundlage für die Arbeit der Kunstkirche. Sandra Hesse berichtet, dass die Gemeindeschenke Uthleben die Ferienworkshops in der Vergangenheit wiederholt durch Essensspenden unterstützt hat. Zu den festen Projektpartnern der Kunstkirche zählen außerdem die Freiwillige Feuerwehr, der Schützenverein, der Kindergarten sowie der Förderverein Uthleben e. V. Letzterer leistet insbesondere einen wichtigen Beitrag zur Vernetzung der örtlichen Vereine und weiteren lokalen Akteur*innen. Darüber hinaus besteht eine enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit der Stadt Heringen/Helme.

Laut Sandra Hesse ist ein transparentes Vorgehen die Basis für eine breite Unterstützung durch Anwohner*innen, lokale Vereine und Unternehmen. Dabei sollte die Gemeinde stets über aktuelle Themen und Anliegen informiert werden. Es ist wichtig, mit offenen Karten zu spielen und mit der Dorfgemeinschaft und insbesondere dem Förderverein Uthleben e.V. über die finanziellen Herausforderungen zu sprechen. Auch wenn es oft herausfordernd ist alle an einen Tisch zu bringen, betont die Projektleiterin, dass für die Dorfgemeinschaft die Kirche ein wichtiger Bestandteil ist. Durch einen offenen und transparenten Austausch wächst die Bereitschaft der beteiligten Akteurinnen, sich für den Erhalt der Kirche und ihrer Angebote einzusetzen.

„Dazu gehört auch, zu den Leuten zu sagen:
‚Hört mal, es gibt weniger Geld von der Landeskirche.
Wir legen alles auf den Tisch und fragen:
‚Wie wichtig ist euch die Kirche im Dorf?‘
Da kommt natürlich von allen Seiten:
‚Ein Dorf ohne Kirche geht gar nicht.‘“
(Sandra Hesse)

Für verschiedene Vorhaben ist die Kunstkirche zudem kontinuierlich auf der Suche nach lokalen Sponsor*innen. Zuletzt unterstützten die Volksbank und die Sparkasse die Kunstworkshops der Kunstkirche jeweils mit einer Spende in Höhe von 500 €.

Herausforderungen – Begrenzte Ressourcen im Ehrenamt

Eine der größten Herausforderungen des ehrenamtlich getragenen Projektes liegt im Umgang mit den zeitlichen Ressourcen. Laut Sandra Hesse muss man im ehrenamtlichen Engagement stets aufpassen, dass man sich nicht überfordert. Andernfalls besteht die Gefahr, das Interesse und den Spaß am Projekt zu verlieren. Besonders das Stellen der Projekt- und Förderanträge ist zeitlich herausfordernd.

Hinzu kommen organisatorische Herausforderungen, vor allem bei der Koordination der Workshops und der vielen projektbezogenen ehrenamtlichen Helfer*innen. Die Zusammenarbeit mit Ehrenamtlichen erfordert dabei viel Abstimmung und Verlässlichkeit. Die Erfahrungen der letzten Jahre haben dabei gezeigt, dass es wichtig ist, stets einen „Plan B“ bereitzuhalten, falls die ehrenamtlichen Workshopleiter*innen kurzfristig ausfallen oder andere Veränderungen auftreten.

Hannes Hesse beschreibt außerdem, wie schwierig es ist, die verschiedenen Generationen unter einen Hut zu bringen, besonders weil in immer kürzeren Abständen neue Generationen mit verschiedenen Ansprüchen und Interessen auftauchen. Ihnen gerecht zu werden, wird die Kunstkirche als generationsübergreifendes Projekt auch in Zukunft vor Herausforderungen stellen.

„Von der Generation Z bis zur Generation Alpha.
Und dann hast du gleichzeitig noch den Geburtenboom
und teilweise sogar noch die Generation
aus der Nachkriegszeit des Zweiten Weltkriegs.
All diese Generationen unter einen Hut zu bringen
und gleichzeitig auch nicht die Generation in der Mitte zu verlieren,
ist relativ schwierig.“
(Hannes Hesse)

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