Kirche neu gedacht – Netzwerkkirche Ellrich
In Ellrich, der nördlichsten Stadt des Freistaats Thüringen, hat die St. Johanniskirche eine ganz besondere Bedeutung. Für die Anwohner*innen ist sie seit der Wiedervereinigung ein wichtiger Hoffnungsträger und ein identitätsstiftendes Symbol für eine selbstbewusste Stadt in einem geeinten Deutschland. Nach ihrem Wiederaufbau wurde die Kirche zu einem Ort der Gemeinschaft. Unter der Bezeichnung „Netzwerkkirche“ hat sie sich seit 2018 zu einem soziokulturellen Begegnungsraum und Projektzentrum entwickelt, das Menschen unabhängig von ihrem Glauben und ihrer Herkunft vernetzt.
Um einen Einblick in die bewegende und inspirierende Geschichte der Kirche St. Johannis zu bekommen, haben wir uns auf den Weg nach Ellrich im Landkreis Nordhausen gemacht und mit dem Vorsitzenden des Kirchenbauvereins, Martin Bischoff, gesprochen.
Die St. Johanniskirche – Herz der Gemeinschaft und Symbol für die Zukunft
Ellrich und seine über 1.000 Jahre alte Kirche blicken auf eine schicksalhafte Vergangenheit zurück. Das Gipsvorkommen im Südharz machte die Region um Ellrich im Nationalsozialismus zu einem wichtigen Standort für die Rüstungsindustrie. In diesem Zusammenhang befand sich in Ellrich außerdem das KZ-Außenlager Ellrich-Juliushütte. Nach dem Bau der Mauer Anfang der 1960er Jahre lag Ellrich in Folge der nahen Grenze zum Westen im fünf Kilometer breiten Sperrgebiet der damaligen DDR. Dies machte jeden Zugang genehmigungspflichtig, stellte die Bewohner*innen unter ständige Kontrolle und grenzte die Stadt in alle Himmelsrichtungen ab.
Durch einen Blitzeinschlag im Jahr 1907 wurde die Kirche stark beschädigt. Durch Fehler beim bald einsetzenden Wiederaufbau und durch fehlende Unterstützungsmaßnahmen nach dem Zweiten Weltkrieg musste sie in den 1950er Jahren bauaufsichtlich gesperrt werden. Auch die imposanten Kirchtürme verfielen im Laufe der Jahrzehnte zunehmend und wurden bis 1965 vollständig abgetragen. Zurück blieb eine Kirche in ruinösem Zustand mit fehlenden Böden, zerstörten Dächern und bewachsenen Mauern. Für die Ellricher*innen war dies ein unerträgliches Bild und ein Sinnbild für die schwere Kriegs- und Nachkriegszeit. Nach der Wiedervereinigung 1990 wuchs der Wunsch, die Kirche und die beiden Türme wiederaufzubauen und sie als Zentrum der Gemeinschaft zu nutzen.
„Ellrich hat viel erlebt. Die Leute sind lethargisch und man glaubt gar nicht mehr,
dass es Fortschritte gibt. Wir kommen aus diesem Kreisel einfach nicht mehr raus.
Das kann man nur durchbrechen, indem man sagt:
„Wir bauen jetzt den Turm und zeigen damit, dass wir wieder da sind.”
(Martin Bischoff)
Nach der Wende wurde ein erster Anlauf unternommen, das Kirchenschiff wieder nutzbar zu machen. Hierfür gründeten sich die Initiativen „Förderkreis St. Johannis“ und „Wiederaufbau Glockenturm St. Johannis in Ellrich e.V.“, heute vereint im „Kirchenbauverein Ellrich e.V.“, welcher sich seitdem unermüdlich für die weitere Sanierung und Nutzung der Kirche einsetzt. Ab 1991 erfolgte die Sanierung des Kirchenschiffes als gemeinschaftliche Leistung des Fördervereins zusammen mit der evangelischen Kirchengemeinde Ellrich, den kirchlichen Bauämtern und der Stadt Ellrich. Auch der Freistaat Thüringen unterstützte das Projekt. Im Jahr 2008 wurde die Kirche erneut geweiht.
Neues Leben in alten Mauern – die Kirche wird zum kulturellen Zentrum
Nach der Weihung der Kirche sah sich der Verein mit einer neuen Herausforderung konfrontiert: Wie sollte das imposante Gebäude auch in Zukunft angemessen genutzt werden?
„Wir hatten natürlich das Problem aller Kirchen.
Was machen wir jetzt mit unserem Gebäude?
Wir kommen so alleine nicht weiter.“
(Martin Bischoff)
Mit dem Wunsch, die Sanierung der Kirche, inklusive des Wiederaufbaus der nach wie vor zerstörten Türme, weiter voranzutreiben und in den Räumlichkeiten wieder mehr Leben zu erreichen, entwickelte der Kirchenverein die Vision einer kulturellen Begegnungsstätte. Im Rahmen des offenen Ideenaufrufs „500 Kirchen – 500 Ideen“ der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) und der Internationalen Bauausstellung (IBA) Thüringen von 2012 bis 2023 entstand schließlich das Konzept der Netzwerkkirche. Mit diesem Vorhaben wurde die St. Johanniskirche zu einem von insgesamt sieben Modellprojekten. Die Grundlage für die Umsetzung legte dann im Jahr 2018 eine Machbarkeitsstudie, durchgeführt vom Architekturbüro SMITS + TANDLER (Erfurt), mit der Kostenaufstellung und einer detaillierten Zielplanung für den Umbau zur Netzwerkkirche. Nachdem diese sowohl intern als auch mit der Kirchenleitung und dem Baureferenten beim Kirchenkreis besprochen worden war, konnte es mit der Sanierung und dem Umbau des Kirchenschiffs losgehen.
Zentrale Erfolgsfaktoren waren dabei die Expertise und gute Zusammenarbeit mit dem Architekturbüro, besonders auch die Erfahrungen und die bestehenden regionalen Kontakte der Architekten in Bezug auf die Bauleitplanung. Auch die fachliche Begleitung durch die IBA trieb den Umbau des Kirchenschiffes zur Netzwerkkirche weiter voran. Im Fokus stand dabei vor allem die Konzeptentwicklung. Durch die im Rahmen der IBA durchgeführten Netzwerktreffen, Konzeptwerkstätten und unterschiedlichen Workshops konnten sich die Akteur*innen vor Ort qualifizieren und vernetzen. Am 1. Dezember 2022 konnte die Netzwerkkirche schließlich feierlich eröffnet werden.
Mit dem erfolgreichen Innenausbau und der Eröffnung der Netzwerkkirche rückte das nächste Ziel in der Vordergrund: Der Wiederaufbau der beiden Kirchentürme. Dieses Vorhaben vervollständigt den Wunsch der Ellricher*innen, die St. Johanniskirche von den Spuren der Vergangenheit zu befreien.
„Wir wollen den Turm wiederhaben,
um zu zeigen, dass Ellrich wieder lebt.“
(Martin Bischoff)
Ausgehend von den Vorstellungen des Architekten entschied sich der Kirchenbauverein für eine besondere und gleichzeitig bezahlbare Bauweise: Einzelne Betonteile wurden in einem lokalen Betonbauwerk gegossen und anschließend ähnlich wie Legosteine mit Hilfe von zwei Kränen vor Ort zum Turm zusammengesetzt. Die Betonmischung aus Kies und Zement ist farblich sowie von der Oberflächenstruktur her auf das Kirchenschiff abgestimmt. Auf diese Weise konnten die beiden Turmspitzen innerhalb der nächsten zwei Jahre fertiggestellt werden. Eine weitere Besonderheit ist die sich über den gesamten Turm ziehende Fuge, die die wechselvolle Geschichte der Stadt und Kirche zwischen Trennung und Vereinigung betont. Dadurch stehen die Türme heute als Symbol für die Verbundenheit von Ost und West.
„Wir haben unsere Kirche.
Wir haben das, was Deutschland geteilt hat, überwunden.
Wir sind wieder eine Stadt selbstbewusster Leute
in einem selbstbewussten Deutschland.“
(Martin Bischoff)
Mit Symbolkraft zum Fördererfolg
Um die nötigen Fördermittel für den Umbau zu akquirieren, stand der Kirchenbauverein zunächst vor der Herausforderung, die erforderlichen Eigenmittel aufzubringen. Gelungen ist dies durch den Wettbewerb des Mitteldeutschen Rundfunks „Mach Dich ran“. Als Sieger des Wettbewerbs erhielt der Verein ein Preisgeld von 200.000 € und konnte damit den Grundstein für den Umbau legen. Mit der prominenten Unterstützung des damaligen Ministerpräsidenten Bodo Ramelow, der sich für den Erhalt der Kirche starkmachte, und dem Status als IBA-Projekt, durch den die Kirche weitere Aufmerksamkeit erhielt, war auch die weitere Fördermittelakquise von Erfolg geprägt.
So konnten Mittel aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung innerhalb der Richtlinie zur Förderung von Kultur und Kunst in Höhe von 1,4 Mio. € beantragt werden. Mit der Argumentation, das Kulturhaus durch den Bau der Türme erweitern zu können, erhielt der Kirchenbauverein außerdem 4 Mio. € aus dem Vermögen der Parteien und Massenorganisationen der ehemaligen DDR (PMO Fond). Nachdem weitere 330.000 € an privaten Mittel eingeworben worden waren, konnten im Frühjahr 2025 auch die Glocken im Turm wieder läuten.
Martin Bischoff verweist auf die emotionsgeladene Vergangenheit der Kirche und seiner Stadt. Insbesondere die Türme haben eine starke Symbolkraft, was auch bei der Beantragung der Fördermittel eine Rolle spielte.
„Und dann sind diese Grundkonzepte nichts anderes als pures Marketing.
Also sie zielen auf das Herz oder auf den Bauch, nicht auf den Verstand“
(Martin Bischoff)
Nichtsdestoweniger war die Beantragung der Fördermittel inklusive der Berichterstattung für Martin Bischoff, welcher den Großteil dieser Aufgaben übernahm, sehr zeitintensiv. Hinzu kommen die große Verantwortung und Verpflichtung, die ein Projekt dieser Größenordnung mit sich bringt.
„Bei so einer Sache muss man jemanden haben,
der sich diesen Aufgaben voll und ganz widmen kann.
Das kann man wirklich nicht nebenbei machen,
wenn man noch berufstätig ist.“
(Martin Bischoff)
Das Nutzungskonzept – ein Veranstaltungsort für alle
Heute ist die St. Johanniskirche das Zentrum eines Netzwerks, in dem sich Menschen der Gemeinde, unabhängig von ihrem Glauben, begegnen können. Die Kirchengemeinde fungiert nicht selbst als Veranstalter, sondern stellt der Öffentlichkeit einen 500 m² großen Veranstaltungsraum im Kirchenschiff zu Verfügung, welcher bis zu 300 Personen Platz bietet. Dieser kann für verschiedene Anlässe wie Konzerte, Tagungen, Ausstellungen, Workshops oder private Feierlichkeiten gemietet werden. Für die Veranstalter*innen steht dabei eine multifunktionale Einrichtung bereit, bestehend aus einer Medienanlage für Audio- und Videotechnik, einem Beamer, Mikrofonen und digital steuerbaren Zeilenlautsprechern. In der Kirche wurden auch eine Touristeninformation, Toiletten und eine moderne Küchenzeile eingerichtet. Zahlreiche Veranstaltungen wie Ballettaufführungen, Abschlussbälle oder Hochzeiten haben bereits stattgefunden. Auch als Filmkulisse konnte die Kirche bereits dienen. In den neu errichteten Türmen befindet sich zudem eine Galerie. In Zukunft sollen diese verstärkt von regionalen Künstler*innen genutzt werden.
Zwischen neuem Glanz und wirtschaftlichen Herausforderungen
Auch wenn die Kirche heute wieder in neuem Glanz erstrahlt, stellt der tägliche Betrieb der Netzwerkkirche den Verein weiterhin vor finanzielle Herausforderungen. Um die laufenden Kosten, insbesondere für Strom und die Instandhaltung der Toiletten finanzieren zu können müssen im Monat mindestens zwei kostenpflichtige Veranstaltungen stattfinden. Martin Bischoff erklärt, dass das Angebot der Netzwerkkirche aktuell noch nicht genügend von den Menschen aus der Umgebung genutzt wird. Gleichzeitig wird die dauerhafte Nutzung der Kirche dadurch erschwert, dass das Kirchenschiff mit dem Veranstaltungsraum nicht geheizt werden kann. Für Veranstaltungen kommen daher fast ausschließlich die Sommermonate infrage.
Um eine stärkere Nutzung der Netzwerkkirche zu erreichen und die Hemmschwelle zu senken, gab es im Jahr 2023 einen Schnuppertag. 2025 öffnete die Kirche zum Tag des offenen Denkmales, dem Tag der Architektur und zum Kirchbautag den Besucher*innen ihre Türen. Darüber hinaus informieren ein Schaukasten, die Website des Kirchenbauvereins und die lokale Presse über die Netzwerkkirche und die aktuellen Veranstaltungen.