Die KulturScheune 1a
gemeinsam für einen neuen Begegnungsort
Wie viele ländliche Orte sieht sich auch Fürstenberg, ein Stadtteil von Bad Wünnenberg im nordrhein-westfälischen Kreis Paderborn, mit dem Rückgang kultureller Strukturen und gemeinschaftlicher Begegnungsräume konfrontiert.
„Alte Strukturen brechen weg. Die Kirche hat immer weniger Bedeutung. Kneipen gibt es nicht mehr. Die letzte hat tatsächlich vor vier Jahren zugemacht. Früher gab es mal sieben, acht oder neun. Es gibt eigentlich keine Kristallisationspunkte, damit Leute sich treffen können oder was miteinander machen.“
(Peter Gödde)
Dieser Entwicklung wollten einige engagierte Anwohner*innen nicht tatenlos zusehen. Ihre Chance witterten sie im Jahr 2020, als eine Scheune in der Ortsmitte leer fiel. In den nächsten vier Jahren verwirklichte die Gruppe ihre Vision eines kulturellen Identifikations- und Begegnungsortes in der ehemaligen Zehntscheune. Unter dem Namen „KulturScheune1a” ist die Scheune heute ein über die Region hinaus bekannter Veranstaltungsort, der namhafte Künstler*innen und Gäste aus ganz Deutschland anlockt. Für die Dorfgemeinschaft ist sie ein Gestaltungsraum, der zum Mitmachen einlädt.
Wir waren vor Ort und haben mit Peter Gödde, dem Geschäftsführer der KulturScheune1a UG, mit Julia Mühlenbein, der Leiterin der Organisation, sowie mit Erhard Weitekamp gesprochen und einen Einblick in die spannende Entwicklung des Projekts bekommen.
Von der Zehntscheune zum Kulturzentrum
Die ehemalige Zehntscheune und heutige Heimat der Kulturscheune1a wurde 1776 vom Graf von Westfaphlen erbaut und war Teil eines landwirtschaftlichen Gutshofes im historischen Ortskern von Fürstenberg. Nachdem sie ihre ursprüngliche Nutzung verlor, wurde die Scheune seit den 1970er Jahren von der Kommune als Bauhof und Lager genutzt. Als diese 2020 in ein neues Gebäude umzogen, blieb das bedeutende Gebäude ungenutzt zurück.
„Es war nicht nur eine Zehntscheune, sondern auch ein Ort des Austauschs zwischen Adel, Kirche und Bürgern, also Bauern. Das war also immer ein spannungsgeladener Ort, positiv gemeint.“
(Peter Gödde)
Mit dem Wunsch, das identitätsstiftende Gebäude zu erhalten und einen neuen Kultur- und Begegnungsort für die Dorfgemeinschaft zu schaffen, entwickelte eine motivierte Gruppe aus zunächst fünf und später 15 Anwohner*innen im Austausch mit der Dorfgemeinschaft das Konzept der Kulturscheune. Nach langen Verhandlungen mit der Kommune, welche dem Kulturprojekt weniger wohlwollend gegenüberstand, konnte sie das Gebäude am 1. April 2021 für einen symbolischen Euro übernehmen.
Nach dem Kauf stand die Gruppe vor einer sanierungsbedürftigen Scheune, ohne Boden, Isolierung und mit alten, baufälligen Toren. Nach konkreten Planungsgesprächen mit Architekten, Sachverständigen und Fachplanern und der Beantragung einer Nutzungsänderung, konnte im Winter desselben Jahres mit den Sanierungsarbeiten begonnen werden.
Viele davon wurden in Eigenleistung erbracht. Im Fokus stand die bauliche und technische Anpassung sowie die energetische Modernisierung, um eine ganzjährige Nutzung zu ermöglichen. Zunächst wurde ein Teil der Scheune bis zur zweiten Jahreshälfte 2021 provisorisch nutzbar gemacht. Ein gedämmter Holzboden und eine mobile Trennwand aus Glas wurden eingesetzt, um einen Cafébereich vom größeren Scheunenbereich abzuschirmen. Weiter ging es 2022 mit der Dachdämmung. 2023 waren bereits große Teile der Sanierungsarbeiten im Innenbereich abgeschlossen, wie z. B. die zuverlässige Wärmeversorgung durch eine Fußbodenheizung. Im darauffolgenden Jahr wurde die Kulturscheune mit der Sanierung des Vorplatzes abgerundet.
Heute umfasst die KulturScheune1a ein Foyer mit einem Cafébereich, der aus zusammengewürfelten Tischen von ehemaligen Pensionen besteht. Im linken Scheunenbereich findet sich ein Veranstaltungssaal mit 200 Sitzplätzen und einer über 50 m² großen Bühne. Vervollständigt wird die KulturScheune1a durch moderne sanitäre Anlagen, eine Küche sowie Ausstellungs- und Arbeitsflächen.
In einer der alten Hallen wurde ein Theater eingerichtet, die „Die Andere Welt Bühne“, die das kulturelle Angebot der Region erweitert. Mit der Veranstaltung von Workshops sowie Angebote für Kinder und Jugendliche haben die Initiator*innen zudem einen gesellschaftlichen Auftrag angenommen. Hierfür geht Melanie Seeland, die für den Betrieb des Theaters verantwortlich ist, Kooperationen mit Kindergärten und Schulen der Stadt ein und schafft Angebote für interessierte Bürger*innen.
Den Bau der Innenausstattung übernahmen die Initiator*innen selbst. In der Waldwirtschafterei fertigten sie beispielsweise die aufwendigen Bühnenelemente. Die Bestuhlung und Teile der Technik wurden von befreundete Berliner Theatern gestiftet, die damit einen wichtigen Beitrag für die Eröffnung des Theaterbetriebs leisteten. Neben den erbrachten Eigenleistungen trägt sich „Die Andere Welt Bühne“ über Förderungen des Landes Brandenburg – insbesondere durch die Kulturförderung. Und der Erfolg bestätigt die Bemühungen und motiviert die Betreiber*innen. Das Theater lockt neben den Menschen aus der Region auch Publikum aus dem nahliegenden Berlin nach Strausberg.
In einer anderen Halle auf dem alten Postgelände befindet sich die besagte Waldwirtschafterei. Die Holzwerkstatt stellt einen wesentlichen und wichtigen Bestandteil des Vorhabens dar. Hier werden neben Auftragsarbeiten insbesondere die Ausstattungen für den eigenen Gebrauch – wie Bühnenelemente für das Theater oder die Innenausstattung für die Schmorpost – sowie die Elemente für die Häuser für das „Wohnen am Waldrand“ gefertigt.
Der Aufbau der Werkstatt sowie die Anschaffung von Maschinen und des eigenen mobilen Sägewerks – das sich an einer anderen Stelle auf dem Gelände im Einsatz befindet und die gefällten Bäume zu Bauholz verarbeitet – wurden mit eigenen Mitteln finanziert. Anschaffungs- und Betriebskosten können zum Teil durch Auftragsarbeiten und durch den Aufbau des Wohnquartiers sowie dessen Einnahmen gedeckt werden.
Auf dem Gelände entsteht zusätzlich zu dem kulturellen und gastronomischen Angebot ein kleines nachhaltiges Wohnquartier, welches zukünftig noch erweitert werden könnte. Der Nachhaltigkeitsaspekt ergibt sich aus der Art und Weise des Hausbaus. Es handelt sich um Holzhäuser, deren Bau einem ressourcenschonenden, kreislauforientierten Ansatz folgt. Fenster werden nachgenutzt; das Holz stammt vom eigenen Gelände ohne nennenswerte Transportwege und wird vor Ort verarbeitet. Außerdem stehen die Neubauten auf Punktfundamenten, für welche nur geringe Mengen Beton benötigt werden. Zudem lässt die Bauweise den kompletten Rückbau der Häuser zu.
Die Finanzierung des Projekts „Wohnen am Waldrand“ setzt sich aus Eigenmitteln aus der laufenden Kreditfinanzierung und den bereits geleisteten Zahlungen von Genossenschaftsanteilen zukünftiger Bewohner*innen zusammen. Das erste Haus wird bereits bewohnt und das zweite steht kurz vor dem Bezug. Weitere Häuser befinden sich im Bau, sind zum Teil bereits verkauft oder warten auf Bewohner*innen. Potenzielle Nutzer*innen steigen demnach nach einem genossenschaftlichen Modell, mit ihren persönlichen finanziellen Mitteln, in das Vorhaben ein, werden dadurch Miteigentümer*innen aller Häuser und mieten ihr eigenes Haus bzw. ihre eigene Wohnung.
Projektträger ist die KulturScheune1a UG, welche den Kultur- und Begegnungsort eigenständig betreibt, wodurch eine professionelle Unternehmerstruktur mit dem ehrenamtlichen Engagement verknüpft wird. Die 2020 für das Projekt gegründete Sintfeld Stiftung e.V. und Pro Fürstenberg e.V. haben die UG als gemeinnützige Gesellschafter errichtet und sind Teil einer nachhaltigen und stabilen Trägerschaft. Neben der ehrenamtlichen Geschäftsführung beteiligen sich mittlerweile um die 60 ehrenamtlich Engagierte an dem Projekt und in verschiedenen Arbeitsgruppen in den Bereichen Bau, Finanzen, Gestaltung, Programmarbeit, Scheunenmarkt und Café. Eine hauptamtliche Organisationsleitung koordiniert die Ehrenamlichen und leistet das umfängliche Veranstaltungsmanagement.
Förderung und langfristige Finanzierung
Finanziert wurde die Projektumsetzung durch das Programm Dritte Orte, mit dem das Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen die Entwicklung kultureller Begegnungsorte und ihren nachhaltigen Betrieb fördert. Dies beinhaltete eine Fördersumme von 450.000 € über drei Jahre für den Umbau, die Ausstattung und für Personalkosten. Nach dieser Umsetzungsphase folgte eine Folgeförderung für den laufenden Betrieb mit 50.000 € für das Jahr 2024, 40.000 € für 2025 und 30.000 € für 2026.
„Es gibt dort durchaus, sagen wir mal, sehr wohlwollende Bereitschaft,
gerade im Kulturministerium Nordrhein-Westfalen,
die Dritten Orte auch weiter zu unterstützen.“
(Peter Gödde)
Weitere finanzielle Unterstützung für die Renovierungsmaßnahmen erhielt das Projekt durch die NRW-Stiftung in Höhe von 265.000 €. Aus dem Heimatprogramm des Bauministeriums NRW wurde die Vorplatzgestaltung und ein Kunstwettbewerb mit 150.000 € unterstützt. Die Dachsanierung und die Platzbeleuchtung wurden außerdem von der Stadt mit ca. 80.000 € unterstützt. Die Sintfeld-Energiestiftung der lokalen Windparks unterstütze ebenfalls mit 50.000 €.
Der laufende Betrieb mit den anfallenden Personal-, Unterhalts- und Veranstaltungskosten kann zu einem Drittel durch die Einnahmen für die Kulturveranstaltung und zu einem weiteren Drittel durch den Catering- und Getränkeumsatz abgedeckt werden. Das letzte Drittel muss mit Hilfe anderer Quellen, wie z. B. Förderung, Sponsoring oder dem Freundeskreis generiert werden. Letzteres beschreibt einen Kreis von Privatpersonen und lokalen Förderern, welche das Projekt regelmäßig finanziell unterstützen.
„Wir müssen uns natürlich überlegen:
Wie kriegen wir dieses fehlende Drittel bei uns finanziert?
Deswegen haben wir einen Freundeskreis installiert, wo einfach Leute,
die das auch leisten können, Unternehmer, Ärzte, und so weiter, sagen:
„Wir geben euch als feste Zusage pro Jahr Betrag X, das ist uns die tolle Arbeit
und das Weiterbestehen der KulturScheune1a wert.“
(Peter Gödde)
Zwischen Bürokratie und lokaler Akzeptanz
Zu den größten Hürden gehörten im Aufbau die mangelnde Zusammenarbeit sowie fehlende Unterstützung und Wertschätzung der Kommune. Peter Gödde beschreibt seinen Eindruck, dass das Projekt mit dem Fokus auf Kultur auf wenig Zuspruch bei den Kommunalpolitiker:innen und der Stadtverwaltung gestoßen ist.
„Das Kulturverständnis im ländlichen Raum ist bisweilen sehr eng
und vielfach nur auf Tradition und Vereinsmeierei begrenzt.
Vor allem in kleineren Kommunen, die keine eigene Kulturämter etc. haben,
sollte man neues, diverses, modernes und breites kulturelles
bürgerschaftliches Engagement begrüßen und unterstützen,
gerade auch finanziell und wertschätzend.“
(Peter Gödde)
Hinzu kommt ein dörfliches Spannungsfeld mit Rivalitäten zwischen den lokalen Vereinen und anderen Dörfern um Besucher*innen und finanzielle Unterstützung.
„Es gibt andere Vereine, die gucken ja neidisch drauf und sagen:
‚Das braucht ihr doch eigentlich gar nicht.
Wieso kriegen die öffentliches Geld?‘“
(Peter Gödde)
Dabei betonen die Akteur*innen, dass mit der KulturScheune1a keinerlei Konkurrenz zu den lokalen Vereinsangeboten geschaffen werden. Die neuen Angebote und Formate der KulturScheune1a decken Wünsche und Bedarfe ab, die traditionell nicht, oder nicht mehr erfüllt werden.
Überwinden konnte die Gruppe die Rückschläge und Kritik vor allem durch die gegenseitige Unterstützung und Motivation im Team.
„Das schweißt natürlich auf der anderen Seite auch wieder zusammen,
wenn man sagt: ‚So, wir schaffen das.‘“
(Peter Gödde)
Herausfordernd war außerdem der Umgang mit den widerstreitenden Interessen und Vorgaben von Denkmalschutz, energetischer Sanierung und Brandschutz. Probleme gab es u. a. aufgrund des notwendigen Fluchtausgangs im hinteren Bereich der Scheune. Trotz der guten fachlichen Hinweise, die die Gruppe in Bezug auf den Umgang mit dem alten Mauerwerk erhalten hat, bemängelt Peter Gödde die langsamen und starren Abläufe der formalen Prozesse und der Vergabe von Genehmigungen.
„Ich bin, gerade in ländlichen Regionen, sehr dafür,
dass man den Leuten das Geld gibt, dass man sie verantwortlich
macht dafür und dann in Eigenregie machen lässt.
Denn wenn wir das hier alles umgesetzt hätten
mit den Vergaberichtlinien der Stadt,
dann wären wir heute noch nicht fertig.“ (Peter Gödde)
Gemeinschaftlich auf Augenhöhe ans Ziel
Das Erfolgsrezept des Bottom-up-Projektes liegt vor allem in der geschickten Bündelung der zahlreichen organisatorischen und handwerklichen Kompetenzen sowie der persönlichen Netzwerke des Teams, das sich aus engagierten Anwohner*innen zusammengefunden hat.
„Jeder hat irgendwo seine Fähigkeiten.
Wenn man die vernünftig zusammenbaut,
dann kann man solche Projekte wirklich gut hinbekommen.
Vor allem ehrenamtliche Projekte. Wenn ich mir das alles
zusammenkaufen muss, ist das nicht finanzierbar.“
(Peter Gödde)
Peter Gödde, der seinerseits als ehemaliger Jurist Kompetenzen im Bereich der Beantragung von Fördermitteln mitbringt, beschreibt, wie er ein Netzwerk in Richtung Politik aufbauen konnte, um das Projekt geschickt zu präsentieren. Für die Projektumsetzung waren aber auch lokale Kontakte und kurze Wege auf Augenhöhe wichtig.
„Ich habe gestern den Installateur angerufen:
‚Michael, du musst morgen um halb fünf hier hinkommen.‘
Ja, dann kommt der auch. Deswegen sage ich ja,
wenn man das als städtisches Projekt gemacht hätte,
wäre das ganz klar noch nicht fertig.“
(Peter Gödde)
Das Projekt verdeutlicht die Stärke ländlicher Räume: Eine engagierte Dorfgemeinschaft, angetrieben von motivierten Einzelpersonen, übernimmt Verantwortung und kann sich über kurze Wege austauschen und vernetzen.
Das Nutzungskonzept – „genießen, begegnen, gestalten“
Die Kulturscheune1a hat sich bis heute als gefragter Veranstaltungs- und Begegnungsort etabliert. Jährlich finden dort 120 Veranstaltungen statt. Das Spektrum reicht von Konzerten über Lesungen bis hin zu Vorträgen.
„Mittlerweile kriegen wir pro Tag fünf bis acht Bewerbungen
von Künstler*innen, die sich aus der ganzen Bundesrepublik
und darüber hinaus hier bewerben.“
(Julia Mühlenbein)
Auch Malkurse, ein Lesekreis, eine Foto-AG, Quizabende und vieles mehr finden statt und bieten die Möglichkeit, sich aktiv einzubringen. Mit Events wie der Inliner-Disco und dem FIFA-Turnier werden zudem gezielt Kinder und Jugendliche angesprochen, da diese bisher weniger in der Scheune aktiv sind.
Gleichzeitig hat sich das Konzept über die Jahre aufgrund neuer Bedürfnisse und des Wegfalls weiterer lokaler Strukturen erweitert. So finden auf Wunsch des lokalen Bestatters in der Scheune regelmäßig Beerdigungscafés statt. Mittlerweile können auch Geburtstage und Hochzeiten in der Scheune gefeiert werden. Das Kulturangebot wird durch den Scheunenmarkt und das Café Sammeltasse ergänzt, welches zum Markt, zu den Veranstaltungen und jeden zweiten Sonntag öffnet.
Mit der Grundidee, stetig zu wachsen und sich weiterzuentwickeln, sind auch in Zukunft neue Projekte geplant. Ein aktuelles Projekt ist das Kulturnetz Südliches Paderborner Land. Mit diesem Netzwerk sollen bürgerschaftlich getragene Kultureinrichtungen im südlichen Paderborner Land stärker vernetzt werden.