Start  ➔  Blog

Blogbeitrag

Generationenbahnhof Erlau

Der Bahnhof der Gemeinde Erlau in Mittelsachsen ist ein klassisches Beispiel für die zahlreichen Stilllegungen von Bahnhofsgebäuden in ländlichen Regionen Ostdeutschlands. Knapp 15 Jahre lang stand das unter Denkmalschutz stehende Ensemble leer und war dem Verfall ausgesetzt. Doch die Gemeinde und die Menschen in Erlau wollten den Verlust des ortsbildprägenden und identitätsstiftenden Gebäudes nicht tatenlos hinnehmen. Das Ergebnis jahrelanger Arbeit kann sich sehen lassen: Der Generationenbahnhof ist heute ein zentraler Treffpunkt und Möglichkeitsort für Erlau.

Um mehr über diese inspirierende Umnutzung des Bahnhofsgebäudes zu erfahren, haben wir uns auf den Weg in die Region im Mittelsächsischen Hügelland gemacht. Vor Ort haben wir mit einigen engagierten Akteur*innen des Generationenbahnhof Erlau e.V. sowie mit dem damaligen Bürgermeister gesprochen. Gemeinsam haben sie an der neuen Nutzung für das ehemalige Empfangsgebäude gearbeitet und die Idee des Generationenbahnhofs umgesetzt und haben uns von ihren Erfahrungen berichtet.

Vom belebten Bahnhof zum Haltepunkt

Der Bahnhof Erlau war lange ein belebter Ort in der gleichnamigen Gemeinde. Gelegen an der Eisenbahnstrecke Riesa-Chemnitz war er bis Ende des 20. Jahrhunderts ein regionaler Umschlagplatz für landwirtschaftliche Erzeugnisse, lokale Industrieprodukte und Baustoffe. Für die Anwohner*innen stellte er eine wichtige Verbindung in die regionalen Zentren wie Rochlitz oder Mittweida und in die Großstadt Chemnitz dar.

Wie vielerorts setzte auch in Erlau in den 1970er- und 1980er-Jahren ein zunehmender Bedeutungsverlust des Bahnhofs ein. Die abnehmenden Fahrgastzahlen und die Rationalisierung der Bahn führten schließlich dazu, dass das Empfangsgebäude im Jahr 1990 weitgehend außer Betrieb genommen wurde. Drei Wohnungen, welche sich ebenfalls im Gebäude befanden, wurden noch einige Jahre bewohnt. Ab 1999 folgte, nachdem die letzten Mieter*innen der Wohnungen ausgezogen waren, der endgültige Leerstand. Zurück blieb lediglich der 100 Meter nördlich gelegene Bahnhaltepunkt.

Das sanierte Bahnhofsgebäude in Erlau

Konzept und Umsetzung – „Bürger und Dienstleister Hand in Hand“

Der Wunsch der Gemeinde, das identitätsstiftende Gebäude wieder in einen lebendigen Ort zu verwandeln, war groß. Im Gemeindeblatt wurde vor diesem Hintergrund eine Umfrage veröffentlicht, welche neue Nutzung sich die Erlauer*innen für den ehemaligen Bahnhof vorstellen könnten. Das Ergebnis: einen sozialen Treffpunkt und einen Bürgerbereich. Den entscheidenden Anstoß gab es schließlich im Jahr 2012 durch eine Entwurfsstudie von Architekturstudierenden der Technischen Universität Dresden, welche die Entwicklungsmöglichkeiten des Bahnhofsgebäudes aufzeigte. Initiiert wurde diese von Jana Ahnert, der heutigen Vereinsvorsitzenden des Generationenbahnhof Erlau e.V. und damaligen Mitarbeiterin an der TU Dresden. Nach der öffentlichen Vorstellung des Konzepts mit 100  Teilnehmenden war die Begeisterung unter den Anwesenden groß. Kurz darauf schlossen sich der damalige Bürgermeister Wolfgang Ahnert und einige interessierte Anwohner*innen zu einem Initiativkreis zusammen. Es entwickelte sich eine konkrete Vision für das Gebäude – die Kombination aus medizinischen und gemeinschaftlichen Angeboten, bei der bürgerschaftliches Engagement und professionelle Dienstleistungen unter einem Dach zusammenkommen und sich gegenseitig unterstützen.

Mit viel Engagement gelang es der Gemeinde und dem damaligen Bürgermeister im Jahr 2014, das Bahnhofgebäude zu kaufen. Aufgrund der hohen Erhaltungskosten, des geringen Gebäudewerts und des geringen Interesses anderer potenzieller Käufer wurde ein symbolischer Kaufpreis von einem Euro vereinbart.

Noch im selben Jahr gründete sich der Verein Generationenbahnhof Erlau e.V., der die Organisation und Netzwerkarbeit für den bürgerschaftlichen Bereich des Generationenbahnhofs bis heute übernimmt.

Nach einer sportlichen Planungsphase von weniger als 1,5 Jahren konnte die Sanierung im Januar 2016 beginnen, bei der die Gemeinde als Bauherr fungierte. In enger Abstimmung und guter Zusammenarbeit mit dem Denkmalschutz gelang es, einen Großteil der Außenfassaden sowie etliche historische Elemente wie Türen und Fenster zu erhalten. Mit der Vorstellung, dass sich jede Epoche in der Architektur des Gebäudes widerspiegeln sollte, wurde außerdem ein moderner Anbau aus Fertigbeton mit zusätzlichen Behandlungsräumen für den Zahnarzt erstellt. 2017 erfolgte schließlich die Eröffnung des Generationenbahnhofs. Der Schlüssel für die erfolgreiche Bauphase war die gute Zusammenarbeit auf Augenhöhe mit Denkmalpflege und Bauaufsichtsbehörde.

„Da bin ich mit dem einen oder anderen Becher Kaffee
und dem einen oder anderen Stück Kuchen hingefahren,
habe das mit denen beraten und dann hat das funktioniert.
Es kommt immer darauf an, wie man mit den Leuten umgeht.“
(Wolfgang Ahnert)

Das Bahnhofsgebäude nach knapp 15 Jahren Leerstand (Foto: Generationenbahnhof Erlau e.V.)
Das Bahnhofsgebäude während der Sanierung 2016 (Foto: Generationenbahnhof Erlau e.V.)

Heute befinden sich unter Berücksichtigung des demografischen Wandels eine Seniorentagespflege, ein ambulanter Pflegedienst und eine Zahnarztpraxis in dem Generationenbahnhof. Verbunden wurde dieses professionelle Angebot mit einem ehrenamtlich betriebenen Bürgerbereich, bestehend aus einem Bürgerbüro und einem Bürgersaal als Raum für Bildung, Begegnung, Kultur und Freizeit. Unter dem Motto „Gutes Landesleben in Gemeinschaft“ entstand über die Zeit außerdem eine lange Liste an Aktivitäten wie z. B. Kartenspielrunden, Kreativtreff, Eltern-Kind-Kreis oder Cocktailabende. Die Räume werden darüber hinaus für Vorträge, Workshops oder auch für Ausstellungen genutzt. Auch mit lokalen Vereinen, einer Volkshochschule und weitere externen Akteuren wird zusammengearbeitet.

Für den ehemaligen Bürgermeister steht heute fest, die klaren Vorstellungen und die tragbare Nutzungsidee, welche aus dem Ort heraus entwickelt wurden, waren ein entscheidender Erfolgsfaktor für das Projekt:

„Das ist ganz, ganz wichtig, wenn Sie so was machen,
dass Sie die Nutzung vorne weg klären.“
(Wolfgang Ahnert)

Der Generationenbahnhof als Gemeinschaftsprojekt

Im Gespräch wurde schnell deutlich, dass der Bahnhof von Beginn an ein Gemeinschaftsprojekt war, geprägt von einer engen Zusammenarbeit zwischen Kommune, Verein, späteren Nutzer*innen und Dienstleister*innen. Die gemeinsame Projektentwicklung war besonders wichtig, damit alle dieselbe Vision teilen.

Jana Ahnert erinnert sich insbesondere an die essenzielle Unterstützung der Gemeinde: „Dass die Kommune gesagt hat: ‚Ja, wir gehen das an‘, war eigentlich ein großer Erfolgsfaktor für uns, denn ohne sie hätten wir das niemals stemmen können.“

Einen weiteren Vorteil brachte die multifunktionale Aufstellung des Teams mit Kontakten im ganzen Landkreis. Frederike Bremer, ehemalige Koordinatorin des Bahnhofs, beschreibt, wie wichtig es für die Umsetzung des Projekts war, die verschiedenen Begabungen geschickt zu bündeln und zu verknüpfen. Das Projekt lebt von der Gemeinschaft und einem breiten Netzwerk. Dabei ist es wichtig, ein offener Mensch ohne Berührungsängste zu sein, Kontakte aufzubauen und diese Verbindungen zu pflegen, so Bremer.

Das Nutzungskonzept (Abbildung: Generationenbahnhof Erlau e.V.)

Auch die Bürger*innen der Gemeinde waren von Anfang an involviert.

„Wir haben immer versucht, viel Öffentlichkeitsarbeit zu machen,
über das Projekt zu informieren, einzuladen. –
Es gab immer die Möglichkeit, mitzudenken, mitzumachen,
sich einzubringen, Wünsche zu äußern.“
(Jana Ahnert)

Durch ein transparentes Vorgehen gelang es außerdem, die Leute auch in Phasen des Stillstands zu beruhigen und abzuholen. 

„Da wurden die Leute schon unruhig: Geht das überhaupt los?
Und so weiter und so fort. Und da haben wir sie durchs Gebäude geführt.“
(Wolfgang Ahnert)

Hürden und bleibende Herausforderungen

Trotz erfolgreicher Projektumsetzung waren insbesondere die Jahre 2020 und 2021 von Hürden und Rückschlägen geprägt. Die Corona-Pandemie und bauliche Mängel am neuen Flachdach zwangen den Generationenbahnhof zu einer Nutzungspause. Zur selben Zeit kündigte der damalige Pflegeanbieter. Mit einem neuen Dach, dem Einzug eines neuen Pflegeanbieters und der Neubesetzung der Koordinatorenstelle im Verein blühte der Bahnhof ein Jahr später wieder auf und konnte erneut zahlreiche Besucher*innen anziehen. 

Eine zentrale Herausforderung für den Generationenbahnhof
liegt nach wie vor darin, mehr Leute zu erreichen und mit ins Boot zu holen.
„Am Ende ist es ein relativ kleiner Kreis.“
(Jana Ahnert)

Auch die Bekanntmachung neuer Angebote ist eine Hürde für den ländlich gelegenen Treffpunkt. Jana Ahnert beschreibt, wie zeitaufwändig und anstrengend es ist, den Gedanken in die verschiedenen Ortsteile zu tragen. In einigen Gemeindeteilen wird der Mehrwert des Projektes noch nicht gesehen. Hinzukommen auch einige Skeptiker.

„Ich habe mir das am Anfang völlig blauäugig viel einfacher vorgestellt.
Ich habe gedacht: Na, man macht mal Informationsveranstaltungen
und schreibt was in die Zeitung und dann haben das alle verstanden.
Aber das war eben nicht so.“
(Jana Ahnert)

Finanzierung zwischen
Förderung und Ehrenamt

Die unterschiedlichen Förderprogramme und die finanzielle Unterstützung der Gemeinde waren eine essenzielle Grundlage für das zwei Millionen Euro schwere Projekt. Die Baukostenfinanzierung konnte durch die Rücklagen der Gemeinde, einen aufgenommenen Kredit und eine LEADER-Förderung in Höhe von 700.000 Euro gestemmt werden. Grund für die hohe LEADER-Fördersumme war die Aufteilung des Projekts in fünf verschiedene Förderanträge.

Für die weitere Projektentwicklung erhielt der Verein unter anderem Fördergelder aus den Programmen „Neulandgewinner”, „Regionalität und Mehrfunktionshäuser” im Rahmen des Bundesprogramms Ländliche Entwicklung (BULE) und LEADER. Mithilfe dieser Fördermittel konnten die Personalkosten für die Bahnhofskoordination im Bürgerbereich durch eine Teilzeitstelle zeitweilig finanziert werden.

Jana Ahnert weist jedoch auch auf Hürden hin, mit denen Vereine im Kontext der Fördermittelvergabe konfrontiert sind. Dazu gehört zum einen der Eigenanteil, zum anderen die Vorfinanzierung, die die Vereine oft nicht erbringen können.

„Vereine scheitern an den Eigenanteilen, 
mitunter auch, wenn der nur gering ist. 
Da wäres gut, wenn Eigenanteil auch in Form 
von Eigenleistung eingebracht werden kann.“
(Jana Ahnert)

Hinzu kommt, dass Förderprogramme generell seltener in personelle Ressourcen investieren. Das stellt den Verein bei seiner fortlaufenden Arbeit vor große Herausforderungen. Nachdem die Förderung der hauptamtlichen Koordinatorenstelle Ende 2024 ausgelaufen ist, wird der Bürgerbereich rein ehrenamtlich betrieben. In der Folge musste das Angebot an Veranstaltungen und Aktionen reduziert und das Bürgerbüro geschlossen werden.

Die Kommune übernimmt die Betriebskosten und refinanziert einen Teil der laufenden Kosten durch private Vermietungen. Aufgrund der geringen Mitgliedsbeiträge und Eintrittspreise für Veranstaltungen kann der Verein kaum Einnahmen erzielen, sodass die ehrenamtliche Arbeit und Spenden weiterhin wichtige Säulen für seine Arbeit bilden.

„Gutes Leben im ländlichen Raum, Förderung der Gemeinschaft
generiert keine Einnahmen. Und wenn man hier einen Vortrag macht
und zehn Euro Eintritt nimmt, dann kommt keiner.
Also was ist gutes Leben im ländlichen Raum wert?“
(Jana Ahnert)

Der Bürgersaal (Foto: Generationenbahnhof Erlau e.V.)
Der Bürgerbereich (Foto: Generationenbahnhof Erlau e.V.)

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Logo-Footer

Newsletter

Bleiben Sie auf dem Laufenden über erfolgreiche Praxisbeispiele, Veranstaltungen, Förderprogramme rund um Leerstandaktivierung und Innenentwicklung.