Wie der Gemeindebürgermeister mit und für Langenfeld eine bürgerschaftliche Entwicklungsphilosophie verfolgt Langenfeld ist eine Gemeinde am südlichen Steigerwald in der Region Mittelfranken mit 1.056 Einwohner*innen. Die ländliche Kommune ist stark von Veränderungen der Demografie und dem Strukturwandel in der Landwirtschaft betroffen. Auch hinsichtlich der Daseinsvorsorge haben sich Einbußen ergeben, so dass sich die Verantwortlichen der Gemeinde entschieden haben zu handeln. Der 1. Bürgermeister der Gemeinde Langenfeld Reinhard Streng berichtete in einem sehr anregenden Gespräch, wie die Gemeinde selbst die Zügel in die Hand nimmt, um sich den Herausforderungen zu stellen. „Wir müssen uns um mehr Dinge wieder selber kümmern. Die Strukturen, wie wir sie heute kennen, werden zu einem erheblichen Teil nicht mehr ewig zur Verfügung stehen, gerade in ländlichen Regionen.“(Reinhard Streng) Reinhard Streng lebt bereits seit seinem 5. Lebensjahr in der unmittelbaren Nähe von Langenfeld. Er ist ausgebildeter Steuer- und Wirtschaftsfachangestellter. Nach der Ausbildung schloss er ein Studium der Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Wirtschaftspädagogik ab. Er war an verschiedenen Wirtschafts- und Berufsschulen tätig, teilweise in leitenden Funktionen. 1994 zog er mit seiner Familie nach Langenfeld, wo er sich seit 1996 politisch engagiert – zunächst als Mitglied des Gemeinderats und in der Funktion als 3. Bürgermeister. Seit 2002 ist er 1. Bürgermeister der Gemeinde und seit 2008 darüber hinaus im Kreistag aktiv, wo er zusätzlich die Position des gewählten stellvertretenden Landrats innehat. Der 1. Bürgermeister der Gemeinde Langenfeld Reinhard Streng In solch einer langen Zeit als Gemeindebürgermeister erlebt man viele Entwicklungen mit und gestaltet die Zukunft des Ortes maßgeblich. Dies wird bei Betrachtung der umgesetzten Projekte klar, wo es neben Innenentwicklung und dem Umgang mit Leerständen immer auch um das Gemeinwohl und die Zukunftsfähigkeit der Gemeinde geht. Zukunft selbst gestalten – mit Bürgersinn, Fördermitteln und kreativer Innenentwicklung zu einer lebendigen Daseinsvorsorge Die Gemeinde hat seit 2007 mehr als zehn Projekte in Zusammenhang mit leerstehenden Gebäuden umgesetzt. Hierdurch hat sich die Situation mit Blick auf die Daseinsvorsorge bereits deutlich verbessert. Zum Spektrum der Entwicklungen gehören die medizinische Versorgung in Form einer Hausarzt- und einer Physiotherapiepraxis sowie die pflegerische Versorgung durch den Bau einer ambulant betreuten Wohngemeinschaft und einer Tagespflegeeinrichtung. Defizite in der Nahversorgung können über den gemeindeeigenen und bürgerschaftlich organisierten Dorfladen abgedeckt werden. Zudem steht die Schaffung von altersgerechtem und barrierefreiem Wohnraum im Fokus der Kommune. Dennoch gibt es in der Gemeinde Langenfeld noch leerstehende Immobilien. Vordergründig handelt es sich um privaten Leerstand, der aufgrund fehlenden Zugriffs nur schwer entwickelt werden kann. Auch drohender Leerstand ist ein Thema für die Gemeinde, wobei hier insbesondere „spezielle Konversionsflächen“ gemeint sind. Reinhard Streng bezeichnet sie als „Konversionsflächen der Dörfer“ und bezieht sich dabei auf nahezu alle landwirtschaftlichen Nutzgebäude. Die alten Gebäude sind in der Regel für eine moderne, zeitgemäße Landwirtschaft nicht mehr (lange) nutzbar und stellen ein enormes Entwicklungspotenzial dar. Allerdings muss Leerstand aus der Sicht des 1. Bürgermeisters in eine zeitgemäße Form konvertierbar sein. Sollte ein Gebäude nicht sanierbar sein, ist die Option eines Abrisses und anschließendem Neubau durchaus in Betracht zu ziehen. Einen häufigen Grund stellen die hohen baurechtlichen Standards dar. „Wenn wir heute was machen, dann lade ich zu einer Bürgerversammlung ein. Ich mache schon seit Jahren keine „normalen“ Bürgerversammlungen mehr. Wenn ich einlade, dann immer zu einem bestimmten Thema. Als die alte Molkerei leer geworden ist, da haben wir zum Beispiel mit über 20 Leuten diskutiert, was daraus werden könnte.“(Reinhard Streng) Die Gemeinde verfolgt in ihrem Vorgehen einen Dreiklang: Ein Projekt wird in Betrieb genommen, ein weiteres parallel in Umsetzung gebracht und ein drittes konzipiert bzw. geplant. Reinhard Streng betont, dass es ihm wichtig sei, die Bevölkerung in Planungsprozesse mit einzubeziehen, da es sich bei den Projekten der Gemeinde in der Regel um gemeinwohlorientierte Vorhaben handelt. Aus diesem Grund veranstaltet die Gemeinde Langenfeld regelmäßig Bürgerversammlungen und -seminare. Diese weisen thematische Schwerpunkte auf und haben sich insbesondere nach Inbetriebnahme der „Dorflinde“ als Mehrgenerationenhaus etabliert. Für die Umsetzung mancher Projekte kann es zudem ratsam sein, eine Privatperson als Eigentümer*in oder Mehrheitseigner*in einzusetzen. Hierdurch erhöht sich oftmals der Handlungsspielraum, was zu mehr Flexibilität und letztlich zu einer gelungenen Projektentwicklung führen kann. „Ein Punkt, der wirklich wichtig ist und was an dem BundesprogrammMehrgenerationenhaus, neben all der Bürokratie, das Wesentliche ist:Es ist eines der am meisten oder am besten auf die ländlichen Regionenzugeschnittenen Programme, weil es ein Gemischtwarenladen ist und keine nennenswerte Spezialisierung braucht. Spezialisierte Programme sind für die kleinen Kommunen, so wie wir es sind, meist gar nicht nutzbar“(Reinhard Streng) Das zentrale Pilotprojekt – zugleich Anstoß für eine ganze Reihe weiterer Projekte der Innenentwicklung – war das Mehrgenerationenhaus „Dorflinde“ im Zentrum von Langenfeld. Das Mehrgenerationenhaus „Dorflinde“ im Zentrum des Ortes Als generationenübergreifendes Wohnprojekt geplant, sollte bei der „Dorflinde“ die Gemeinschaft im Fokus stehen, und zwar über eine „normale“ Wohngemeinschaft oder Nachbarschaft hinausgehend. Das Aktionsprogramm Mehrgenerationenhäuser des Bundes sieht Wohnkonzepte jedoch nicht vor und da sie keines der Ziele – hierzu zählt insbesondere die Stärkung des generationenübergreifenden gesellschaftlichen Miteinanders – darstellt, wären das Projekt, wie es anfangs geplant wurde, im Rahmen des Aktionsprogramms nicht förderfähig gewesen. Der Sanierungs- und Baustart für die „Dorflinde“ war im Jahr 2007. Das Konzept des Vorhabens wurde im Austausch mit und Beteiligung der Bürger*innen erstellt, um dem Bedarf und Bedürfnissen der „zukünftigen Nutzer*innen“ gerecht zu werden. Sanierungs- und Baustart für die „Dorflinde“ war im Jahr 2007. Auf dem Baugelände befanden sich zu diesem Zeitpunkt eine alte Fachwerkscheune und ein angrenzendes Wohngebäude. Das Wohngebäude wurde jedoch abgerissen und durch den heutigen Glasanbau ersetzt. Zeitgleich sanierte man die ehemalige Scheune, bei der es sich um ein ortsbildprägendes und identitätsstiftendes Gebäude handelt. Dieser Teil der „Dorflinde“ dient heute als Gemeinde- und Veranstaltungssaal. Obwohl die ehemalige Scheune, nach Aussage von Reinhard Streng, eigentlich zu klein sei, wurde sich aufgrund der Bedeutung jedoch trotzdem für die Nutzung entschieden. Nicht nur bei der Konzeptionierung, sondern ebenfalls während der Bau- und Sanierungsarbeiten und dem heutigen Betrieb der „Dorflinde“ ist die Beteiligung der Bürger*innen wichtig. Ehrenamtliches Engagement spielt weiterhin eine große Rolle, wobei die Gemeinde als Träger und Eigentümer stets die treibende Kraft war und ist. Die Finanzierung setzte sich aus Fördergeldern sowie privaten und kommunalen Mitteln zusammen. In
Kooperatives Konzept zur Aktivierung von Innenentwicklungspotenzialen im Landkreis Northeim
Kooperatives Konzept zur Aktivierung von Innenentwicklungspotenzialen im Landkreis Northeim Kreis und Gemeinden nehmen „Lupenräume“ gemeinsam in den Blick Bei einem Besuch beim Landkreis Northeim lieferten uns Julia Gogrewe und Alexander Schramm spannende Einblicke, auf welche Art und Weise der Landkreis gemeinsam mit den Kommunen das Thema der Innenentwicklung in den Blick nimmt und die Aktivierung von Potentialflächen organisieren will. Julia Gogrewe ist gelernte Bauzeichnerin, studierte im Anschluss Architektur und ergänzte ihre Ausbildung durch einen Abschluss im Studiengang Städtebau. Sie arbeitete in freien Architektur- und Planungsbüros und absolvierte zudem das Städtebaureferendariat beim Land Nordrhein-Westfalen Danach übernahm sie verschiedene kommunale Leitungspositionen in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. Seit Februar 2021 ist sie Dezernentin für Bauen und Umwelt beim Landkreis Northeim. Ihr Kollege Alexander Schramm ist ebenfalls seit 2021 beim Landkreis beschäftigt. Hier war er anfangs noch im Bereich Straßenverkehr und Mobilität mit dem Schwerpunkt auf den öffentlichen Personennahverkehr tätig, bevor er im September 2022 zum internen Fördermanagement wechselte. Er ist studierter Geograf und hat im Anschluss einen Master in Regionalmanagement und Wirtschaftsförderung absolviert. Seit November 2024 ist er mit dem Projekt „Interkommunales Projekt- und Fördermanagement Aktive Innenentwicklung“ befasst. „Dem Thema Leerstand wollten wir uns zu Beginn des Projekts gemeinsam mit den Städten und Gemeinden intensiver widmen, haben aber schnell gemerkt, dass wir uns damit aufgrund der Berücksichtigung des Datenschutzes verheben. Wir wollten mit den vorhandenen Personalressourcen gemeinsam Erfolge erzielen und der Politik den Mehrwert von Innenentwicklung vor Außenentwicklung durch konkrete Konzepte und anschließende Aktivierung von Innenentwicklungspotenzialen aufzeigen. Es wurde deutlich, dass die Erhebung und Beseitigung von Leerständen eine aufwendige Daueraufgabe darstellt, der wir uns personell (noch) nicht stellen konnten.“ (Julia Gogrewe) Motiviert durch eine Teilnahme an der Förderinitiative „Aktive Regionalentwicklung“ als Teil des Bundesprogramms „Region gestalten“ nahm der Landkreis Northeim bei der Erstellung eines Strategischen Regionalentwicklungskonzepts (SREK) das Thema Innenentwicklung gezielt in den Blick. Die Leerstandsthematik wird bei der Innenentwicklung stets mitberücksichtigt, stellt aber nicht den Kerninhalt des SREK dar. Bei der genauen Betrachtung der identifizierten Entwicklungspotenziale fällt aber auf, dass Innenentwicklung und die Aktivierung von minder- und untergenutzten Flächen sowie Leerstand oft Hand in Hand gehen. Eine gezieltere Betrachtung leerstehender Gebäude und den bedarfsgerechten Umgang damit verliert der Landkreis zusammen mit den Städten und Gemeinden nicht aus den Augen und arbeitet gemeinsam an praktikablen sowie nachhaltigen Lösungen. Erfahrungen und Erkenntnisse aus dem Modellvorhaben sowie Einblicke in die aktuelle Arbeit gewährten uns Julia Gogrewe und Alexander Schramm in einem Interview. Leiterin des Dezernats Bauen und Umwelt Julia Gogrewe und Mitarbeiter im Fachbereich Kreis- und Regionalentwicklung Alexander Schramm im Kreishaus Northeim Das Bundesprogramm „Regionen gestalten“ vom Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen (BMWSB) ging im Jahr 2019 an den Start. Das Ziel war und ist: Regionen nachhaltig und zukunftsstark zu entwickeln und regionale Disparitäten abzubauen. In enger Zusammenarbeit mit dem Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) förderte das BMWSB verschiedene Modellregionen in ganz Deutschland mit unterschiedlichen thematischen Schwerpunkten. Ein Überblick über die geförderten Modellregionen und Vorhaben befindet sich auf der Webseite von „Region gestalten“. Für den Landkreis Northeim sind insbesondere die Förderinitiativen „Aktive Regionalentwicklung“ und „Absorptionsfähigkeit stärken“ von Bedeutung. Das Modellvorhaben „Aktive Regionalentwicklung“ wurde von 2021 bis 2024 in 16 Modellregionen durchgeführt. Adressiert waren insbesondere strukturschwache ländliche Räume. Das Ziel des Modellvorhabens war es, regionale Akteur*innen der Regionalplanung und -entwicklung stärker zu vernetzen, regionale Kooperationen zu identifizieren und zu stärken, spezifische Bedarfe der Region zu erkennen und sie mit Hilfe der Entwicklung eines Strategischen Regionalentwicklungskonzepts (SREK) gezielt zu einem Teil der regionalen Agenda zu machen. Basierend auf dem Modellvorhaben startete die aufbauende Förderinitiative „Absorptionsfähigkeit stärken“ mit einer Laufzeit von 2024 bis 2027. Der Kerninhalt liegt im Aufbau einer effizienten Fördermanagementstruktur in der Region und somit in der Gewährleistung der Umsetzung des Strategischen Regionalen Operativen Programms (SROP), das im Zuge des Förderlaufzeitraums von jeder teilnehmenden Region erstellt werden muss. Hierbei handelt es sich um die konkreten Handlungsansätze und Maßnahmen, die sich aus den Inhalten des SREK ableiten lassen. Erfahrungen und Erkenntnisse aus den beiden Modellvorhaben Wie Julia Gogrewe berichtete, befindet sich der Landkreis Northeim hinsichtlich der regionalen Entwicklung derzeit in einem Prozess der Neuausrichtung und Konzeptionierung. Dies zeigt sich vor allem in der Neuaufstellung des Regionalen Raumordnungsprogramms (RROP) und der erstmaligen Erstellung eines Wohnraumversorgungskonzeptes. Da kam das Modellvorhaben „Aktive Regionalentwicklung“ gerade zur richtigen Zeit. Mit der Entwicklung und Formulierung des SREK konnte sich der Landkreis Northeim bereits neu justieren und Handlungsperspektiven über einen längeren Zeitraum schaffen. Den Kern des SREK bildete die Identifizierung von Innenentwicklungspotenzialen im Landkreis, die in ein kreisweites digitales Innenentwicklungskataster überführt wurden. Demnach verfügt der Landkreis über 324 Hektar an Flächenpotenzial für die Innenentwicklung in Bebauungsplänen und innerhalb der im Zusammenhang bebauten Ortsteile. Bei relativer Betrachtung bezogen auf die Einwohnerzahl haben nicht die Mittelzentren das größte Potenzial, sondern die kleineren Kommunen. Diese Arbeit erfolgte nach der Gründung des Steuerungsgremiums, in welchem u.a. Vertreter*innen aller Kommunen des Landkreises aktiv mitarbeiten. All dies führte neben der Sensibilisierung der kommunalen Akteur*innen für die Bedeutung der Innenentwicklung vor Außenentwicklung zu einem aktiven interkommunalen Innenentwicklungsmanagement für den Landkreis Northeim. Die Nutzung des Katasters befähigt die Kommunen zu qualifizierten Aussagen über einzelne Flächen und beschleunigt sowie verbessert somit die Beratung von Kauf- und Bauwilligen. Aus dem Kataster gehen zudem die sog. „Lupenräume“ hervor, die gemeinsam mit den jeweiligen Städten und Gemeinden identifiziert wurden. Für diese Potenzialflächen gilt die Prämisse, diese bedarfsorientiert und zukunftsfähig zu entwickeln. Die für diese Flächen seitens eines begleitenden Planungsbüros entworfenen Konzeptskizzen beinhalten zumeist die Themen Wohnen, Pflege und Schaffung von Freiraumqualitäten. Insbesondere barrierefreier, oftmals gemeinschaftlich orientierter Wohnraum mit Umfeld- sowie Aufenthaltsqualität soll als Entwicklungsziel im Fokus stehen. Dadurch können Umzugsketten angestoßen werden, was zur Freisetzung von Bestandsimmobilien führt. Dies wiederum kann den Landkreis attraktiver machen, insbesondere für Familien und „Rückkehrer“. Ein Maßnahmenvorschlag aus dem Wohnraumversorgungskonzept ist es, dass auf Ebene der Kommunen – gegebenenfalls auch interkommunal organisiert – ein Innenentwicklungs- und Sanierungsmanagement aufgebaut und etabliert wird. Die Vermeidung von dauerhaftem Leerstand und die Entwicklung von Aktivierungsstrategien für die erfassten Potenzialflächen sowie die Beratung von Eigentümern soll hierbei das Ziel sein. Entwicklungspotenziale im Landkreis Northeim – „Lupenräume“ zur Verdeutlichung der Möglichkeiten und Chancen von
Die Kleinstadt Herzberg am Harz stellt sich mutig und (teilweise) mit Hilfe von außen ihrem strukturellen Wandel
Die Kleinstadt Herzberg am Harz stellt sich mutig und (teilweise) mit Hilfe von außen ihrem strukturellen Wandel Die Stadt Herzberg am Harz mit den vier zugehörigen Erholungsorten Lonau, Pöhlde, Scharzfeld und Sieber liegt am Südrand des Harzes. Der ehemalige Residenzort liegt zu Füßen des mehr als 950 Jahre alten Welfenschlosses. Die innerstädtische Fußgängerzone lässt erahnen, dass es dem Ort in früheren Zeiten an nichts gemangelt hat. Beim Schlendern über die Hauptstraße in Richtung des Marktplatzes offenbaren sich jedoch zunehmende Leerstände. Dass dieses Problem nicht von der Hand zu weisen ist, dessen ist sich die Stadtverwaltung und insbesondere Jörg Bremer von Stadtmarketing der Stadt Herzberg am Harz bewusst. „Es ist ein glücklicher Zufall, dass wir hier eine kritische Masse von jüngeren Menschen haben, die sich tatsächlich getraut haben, ihre Vorhaben zu starten.“ (Jörg Bremer) Simone Standhardt, Mitinitiatorin der neuen Schloss Apotheke, und Jörg Bremer, Initiator des Runden Tisches Herzberg, in der ehemaligen Schloss Apotheke Im Gespräch mit Jörg Bremer und der Simone Standhardt erfahren wir mehr darüber, welche Maßnahmen die Stadt und vor allem die Bürger*innen von Herzberg ergreifen und wo bereits Entwicklungen zu verzeichnen sind. Simone Standhardt, ist als Stadtjugendpflegerin tätig und gehört ehrenamtlich selbst zu den Gestalter*innen der Stadt und erzählt von der Umnutzung der alten Schloss Apotheke zu einem Ort, an dem sich Menschen unterschiedlichen Alters aus Herzberg und Umgebung treffen – und dass jetzt kalte Getränke über die Ladentheke gehen, wo einst Medikamente verkauft worden sind. Die Entwicklung einer Apotheke zu einer Bar mit besonderem Charme, wo gelegentlich auch kleinere Konzerte stattfinden, hat sich allgemein sehr positiv ausgewirkt. Es gibt jedoch Hindernisse, die es ungewiss machen, ob die Menschen auch noch länger hierherkommen können oder der Betrieb nur von kurzer Dauer ist. Auch knapp 100 Meter weiter in Richtung der Bundesstraße, die durch den Ort verläuft, hat sich im „Deutschen Kaiser“ in den vergangenen Jahren viel getan. Die Gaststätte ist zusammen mit der Schleiferei Zwei im Nachbarort Sieber ein weiteres Beispiel dafür, dass Herzberg am Harz eine Stadt ist, in der man nicht aufgibt, sondern alles versucht, um den Menschen ein lebenswertes Umfeld zu bieten. Innenstadtbelebung in Herzberg am Harz: Kultur, Beteiligung und neue Ideen – Bottom-up statt Stillstand Die Eisenbahn brachte Herzberg im späten 19. Jahrhundert einen wirtschaftlichen Aufschwung und machte die Kleinstadt zu einem bedeutenden Bahnknotenpunkt. Wirtschaftlich wurde und wird die Industrie durch Papierherstellung und Metallbearbeitung geprägt. Durch seine Lage fällt die Stadt ins ehemalige Gebiet der Zonenrand-Förderung. Aufgrund der günstigen Verkehrslage sowie der Bedeutung als Grundzentrum und Erholungsort zieht Herzberg – damals wie heute – auch Menschen aus der Umgebung an. Aktuell erhält die Stadt Fördergelder aus dem Sofortprogramm „Perspektive Innenstadt“ des Niedersächsischen Ministeriums für Bundes- und Europaangelegenheiten und Regionale Entwicklung. Wie der Name schon sagt, zielen die Maßnahmen dieser Förderung auf die Entwicklung und Belebung der Innenstadt. Für Herzberg bedeutet dies konkret die Anschaffung eines Kulturcontainers, welcher als mobile Bühne dient sowie kleinere Aufwertungen des Stadtbildes. In diesem Zusammenhang ist auch der „Runde Tisch“ Herzberg entstanden – ein Zusammenschluss von Bürger*innen und Gastronom*innen aus der Innenstadt, Vereinen und Initiativen sowie Vertreter*innen der Stadtverwaltung. Hierbei handelt es sich um ein Beteiligungsformat, welches in den vergangenen Jahren schon zahlreiche Veranstaltungen und Entwicklungsprozesse angestoßen hat. „Die Leute haben durchgehalten und das ist aus meiner Sicht beachtlich und auch für andere sehr wichtig“(Jörg Bremer) Durch den „Runden Tisch“ wird ein glücklicher Umstand klar: Herzberg am Harz verfügt über eine kritische Masse von jüngeren Erwachsenen, zumeist mit einem Altersdurchschnitt zwischen 30-40 Jahren, die etwas an der Ausgangssituation ändern und die Lebensqualität vor Ort verbessern wollen. Auf deren Initiative ist die (geplante) Umnutzung der ehemaligen Schloss Apotheke zu einer Bar im Sinne eines klassischen Bottom-up-Ansatzes eingeleitet worden. Die Stadtverwaltung und Lokalpolitik in Herzberg begrüßen solche Projekte, die der Stadtentwicklung dienen und Leerstände wiederbeleben. Von öffentlicher Seite werden solche Initiativen nach Kräften unterstützt, um die vorhandenen Entwicklungspotenziale gemeinschaftlich zu heben. Die gute Vernetzung der Gestalter*innen vor Ort sowie der enge Dialog mit der Stadt und den Herzberger Bürger*innen bilden eine wichtige Grundlage, um entsprechende Projekte voranzubringen. Im Gespräch wird immer wieder betont, dass kein Konkurrenzdenken unter den Akteur*innen herrscht und alle gemeinsam an einem Strang ziehen. Darüber hinaus verweist Jörg Bremer auf die Verbindungen zum Referat Demografie und Sozialplanung des Landkreises Göttingen unter der Leitung von Regina Meyer, die seiner Meinung nach eine wichtige Rolle für die Entwicklung der Region spielen würde. Viele Apotheken, zu wenig Kneipen – eine neue Nutzung für die ehemalige Schloss Apotheke Das Gebäude in der Fußgängerzone von Herzberg am Harz war anfangs eine Druckerei, ist zwischendurch noch anderweitig genutzt worden und war danach jahrelang die Schloss Apotheke. Insofern hat das aus dem späten 19. Jahrhundert stammende Haus eine bewegte Vergangenheit. Ende des Jahres 2023 beschloss der „Runde Tisch“ Herzberg das sog. „Winterglühen“ zu veranstalten. Es handelt sich hierbei um eine Veranstaltungsreihe in der Innenstadt, die von Herzberger Bürger*innen, Gastronom*innen und der Stadtverwaltung ins Leben gerufen wurde. In diesem Rahmen öffnete die neue Bar in der ehemaligen Schloss Apotheke erstmals ihre Türen. Der Eigentümer des Gebäudes, der selbst im Obergeschoss wohnt, wollte schon immer eine Kneipe im eigenen Haus haben. Dieser Wunsch wurde an den Vorsitzenden des Vereins ehrenhafter verein e.V. – mit dem Zweck der Förderung von Kunst und Kultur sowie gemeinnützig soziokulturellen Leben und Veranstaltungen im ländlichen Südharz – herangetragen, der selbst Erfahrungen in der Gastronomie hat. Dadurch kamen Eigentümer und Verein zusammen. Der Verein kümmert sich um den neuen Betrieb der Schloss Apotheke, mietet die Gewerbefläche aber lediglich für die geöffneten Tage an. Hierdurch entstehen keine dauerhaften Kosten für den Verein, der nicht über viele finanzielle Mittel verfügt. In den Sommermonaten ist der Barbetrieb in der Schloss Apotheke eingestellt und zu Beginn war sie nur freitags geöffnet. Seitdem ist die neue Bar zu einem regelmäßigen Treffpunkt für Jung und Alt geworden. Hier treffen sich Menschen jeglicher Couleur, beispielsweise junge Menschen mit oder ohne Migrationshintergrund oder auch Frauengruppen. Die Bar zieht nicht nur Menschen aus Herzberg an, sondern auch aus der Umgebung. Was mit dem „Winterglühen“ 2023 und dem „SpringSwing“ 2024 – zwei
Leerstände in historischen Altstädten im Fokus – Die Arbeit des Fachwerk5Eck in Südniedersachsen
Leerstände in historischen Altstädten im Fokus – Die Arbeit des Fachwerk5Eck in Südniedersachsen Mit unserem Besuch in Northeim bei Juliane Hofmann und Imke Heyen vom Fachwerk5Eck haben wir ein sehr spannendes, interkommunales Projekt kennen gelernt. Juliane Hofmann ist studierte Geografin und PR-Beraterin und von Beginn an im Projekt aktiv. Imke Heyen studierte Regionalmanagement und Wirtschaftsförderung an der HAWK in Göttingen und unterstützt ihre Kollegin seit 2020. Beide berichteten über ihre Arbeit, ihre Ansätze und Ziele sowie die Besonderheiten des Fachwerk5Eck. Mit Duderstadt, Einbeck, Hann. Münden, Northeim und Osterode am Harz umfasst die Initiative fünf ländliche Kleinstädte und agiert dabei sogar über Landkreisgrenzen hinweg. Das Fachwerk5Eck hat sich zum Ziel gesetzt, das einzigartige Fachwerk‑Erbe der fünf Städte – sowohl für Bewohner*innen, Bauherr*innen als auch Besucher*innen – regionsübergreifend zu erhalten, wiederzubeleben und zukunftsfähig zu entwickeln. Die Kerninstrumente sind Sanierungsberatung, multimediale Öffentlichkeitsarbeit und Bürgerbeteiligung. „Die Städte haben vor vielen Jahren festgestellt, dass sie ähnliche Voraussetzungen haben: Sie sind alle in Südniedersachsen und haben einen hohen Anteil anFachwerkhäusern aus sechs Jahrhunderten mit einem hohen Denkmalbestand. Sie haben aber auch gleiche Herausforderungen durch beginnenden Leerstand und brauchen dadurch Impulse in der Innenentwicklung.“ (Juliane Hofmann) Juliane Hofmann und Imke Heyen vom Fachwerk5Eck vor dem historischen Gebäude des Heimatmuseums Northeim Das Fachwerk5Eck gründete sich im November 2013 im Rahmen des 4. Südniedersächsischen Fachwerktags durch einen formalen Zusammenschluss der fünf Städte. Ein Thema eint die Beteiligten: Die historische Fachwerkarchitektur, welche für Südniedersachsen typisch ist. Sie stellt für die historischen Stadtkerne der fünf Städte nicht nur eine typische Bauweise dar, sondern leistet auch einen wesentlichen Beitrag zur regionalen Identität und lockt Besucher*innen in die Region. Umso wichtiger ist es, die Altstädte zu pflegen und zu erhalten, denn die Stadtkerne im Fachwerk5Eck sind allesamt von Leerstand bedroht. Dazu kommt, dass sich die meist historischen und unter Denkmalschutz stehenden Gebäude in Privatbesitz befinden und nicht alle Eigentümer*innen in der Lage sind, ihre Immobilien zu erhalten. Somit kommt es an vielen Stellen zum Sanierungsstau. Hier setzen die Kommunen an, um Hausbesitzer*innen zu unterstützen und entsprechende Angebote zu entwickeln. Nach erfolgreicher Beantragung von Fördermitteln aus dem Programm „Nationale Projekte des Städtebaus“ konnte die Arbeit der Geschäftsstelle des Fachwerk5Eck im Jahr 2015 beginnen. Impulse für Innenstädte – Historisches nutzen, Zukunft sichern Die wesentlichen Ziele der Arbeit von Juliane Hofmann und Imke Heyen liegen in der Stärkung der Innen- bzw. Altstädte als wesentliches Element der Stadt- und Regionalentwicklung. In diesem Kontext besteht eine bedeutende Aufgabe darin, das historische Fachwerk als Ausdruck der regionstypischen Baukultur zu schützen und wertzuschätzen. Dadurch kann ein wesentlicher Beitrag zur Förderung der regionalen Identität geleistet werden. Für den Erhalt der historischen Bausubstanz müssen die entsprechenden Objekte jedoch langfristig genutzt werden, z.B. als Wohn-, Arbeits- oder Begegnungsort, was vielfach eine Herausforderung darstellt. Da es sich beim Fachwerk5Eck um einen Zusammenschluss mehrerer Städte handelt, liegt ein wesentlicher Fokus auf der interkommunalen Zusammenarbeit. Kooperationen über die Stadtgrenzen hinweg sollen die nachhaltige Entwicklung der Region fördern und neue Impulse für Tourismus, Wirtschaft und Stadtentwicklung setzen. Um diese Ziele zu erreichen, müssen möglichst viele Akteur*innen in die Planungen einbezogen werden. Durch die Beteiligung verschiedener Zielgruppen (z.B. Bürger*innen, Vereine, Initiativen) soll eine kommunikative Stadtentwicklung umgesetzt werden. Auch die Aktivierung der Nachbarschaften wird bei der Arbeit von Juliane Hofmann und Imke Heyen stets berücksichtigt und als wesentlich für eine gelungene Entwicklung angesehen. Viele Angebote richten sich explizit an Eigentümer*innen und (potenziellen) Käufer*innen historischer Gebäude. Diese sollen untereinander wie auch mit weiteren Akteur*innen vernetzt werden und zu relevanten Themen Beratung erhalten. Ein weiterer Fokus liegt auf der Einbindung von einschlägigen Expert*innen und Architekturinteressierten. Diese erweitern zusätzlich das Netzwerk der Geschäftsstelle und liefern fachspezifisches Wissen beispielsweise zu Fachwerkstilen, möglichen Sanierungstechniken oder generell zur Baukultur. Zu dieser Gruppe können sowohl Privatpersonen als auch ehrenamtliche Akteure und Initiativen zählen. „Unser Grundgedanke ist, die Baukultur der gesamten Region zu erhalten, indem wir durch unsere Beratung weiterhelfen.“ (Imke Heyen) Weitere Zielgruppen sind Tourist*innen und Interessierte von außerhalb der fünf Städte. Durch gezieltes Marketing zu kulturellen Highlights und Freizeitangeboten in den Städten und der Region sollen Menschen angezogen und Begeisterung für Südniedersachsen geschaffen werden. Bei einem Spaziergang durch die Northeimer Altstadt begegnet man vielen eindrucksvollen Fachwerkhäusern, beispielsweise am historischen Entenmarkt … … oder in der Hagenstraße Das Gerodesche Haus in der Marktstraße von Duderstadt beheimatet seit seiner Sanierung eine Kindertagesstätte und bietet darüber Raum für Büros und Mikro-Appartements für junge Menschen (2021 Iris Blank) Maßnahmen zur Stärkung und Nutzung historischer Bausubstanz im Fachwerk5Eck – informieren, fördern und vernetzen Generell wird die Arbeit von Juliane Hofmann und Imke Heyen sehr gut angenommen. Es ist mittlerweile in den Städten und auch in der Region bekannt, dass es die Geschäftsstelle gibt, wofür sie stehen und wie sie weiterhelfen können. „Seitdem wir bekannt dafür geworden sind, kommen auch Menschen aus den Dörfern auf uns zu. Sie haben es manchmal in Bezug auf Fördermöglichkeiten etwas schwerer, aber wir beraten sie auch gerne. Es geht dann oft um Experten, die wir empfehlen können.“(Juliane Hofmann) Das Fachwerk5Eck bietet eine Vielzahl von Angeboten und Maßnahmen an. Hierzu zählen neben den Aufgaben des Tagesgeschäfts immer wieder spezifische Projekte. Mit dem Projekt Wohnraum5Eck wurde beispielsweise eine Informationsplattform für Sanierungsprojekte geschaffen: Sie dient zur Information und zum fachlichen Austausch in Bezug auf z.B. Sanierungsideen, Fördermittel oder Baukultur im Allgemeinen. Nach der Projektphase ist das Wohraum5Eck zum festen Bestandteil der Arbeit und des Angebots des Fachwerk5Eck geworden. Weitere Projekte werden im nachfolgenden Abschnitt vorgestellt. An dieser Stelle folgt eine kleine Übersicht über die Arbeitsschwerpunkte der Geschäftsstelle: Fachwerksprechstunden: Sie finden in allen fünf Städten des Fachwerk5Eck statt und liefern eine kostenlose Erstberatung zu Sanierungs- und Fördermöglichkeiten durch persönliche Ansprechpersonen. Anfangs fanden die offenen Sprechstunden in regelmäßigen Abständen statt. Mittlerweile ist man dazu übergegangen, sie nach Vereinbarung und auf Nachfrage abzuhalten, um eine bessere Planung und Flexibilität zu haben. Projekt- und Fördermittelberatung: Neben der Beratung zu möglichen Förderprogrammen – wie der LEADER-Förderung, der Städtebauförderung, aber auch kleineren Landesförderungen – wurden im Rahmen einer Förderung Modernisierungsideen durch Architekt*innen gewährt. Öffentlichkeitsarbeit und niedrigschwellige Weiterbildungsangebote: Hierzu zählen insbesondere Social-Media-Marketing sowie regelmäßige Informationen über die Angebote im Fachwerk5Eck durch einen Newsletter; aber auch
Miteinander.Deersheim! – Wie aus einem Slogan eine Identität für den Ort geworden ist
Miteinander.Deersheim! – Wie aus einem Slogan eine Identität für den Ort geworden ist In der kleinen Ortschaft Deersheim, die als Teil der Stadt Osterwieck im Landkreis Harz (Sachsen-Anhalt) liegt, öffnete im Jahr 2016 der neue Dorfladen seine Türen – als Reaktion auf die Schließung der Kaufhalle Ende des Jahres 2012, womit seinerzeit der letzte Nahversorger der Ortschaft wegbrach. Dies stellte insbesondere die ältere Bevölkerung Deersheims vor eine große Herausforderung. Im Rahmen des Forschungsprojektes „ZukunftsWerkStadt – Vision 20Plus – Gemeinsam mehr bewegen“ der Hochschule Harz und des Fraunhofer-Instituts für Energiewirtschaft und Energiesystemtechnik (Fraunhofer IEE) wurden damals erste Überlegungen angestellt, um die entstandene Versorgungslücke zu schließen. In der Ortsmitte ließ sich mit dem Geländekomplex „Edelhof“ schnell ein geeigneter Standort finden. Hierbei handelt es sich um einen aus dem 15. Jahrhundert stammenden Gutshof mit angrenzendem Herrenhaus, in dem lange die kommunale Verwaltung Deersheims ihren Sitz hatte und inzwischen die Kindertagesstätte beheimatet ist. Dieses ortsbildprägende Ensemble mit seiner kleinen Park- und Teichanlage war in der DDR-Zeit eine Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft (LPG) und stand nach der Wende größtenteils leer. Anknüpfend an das Forschungsprojekt „ZukunftsWerkStadt“ wurde von den Bürger*innen Deersheims die Initiative „Miteinander.Deersheim!“ ins Leben gerufen. Diese erarbeitete das Konzept für das weitere Vorgehen im Ort und für den Aufbau eines Dorfladens. Auch die Gründung der Dorfladen-Genossenschaft im Jahr 2014 mit anfangs 89 Mitgliedern ist somit auf diese Initiative zurückzuführen. Die Deersheimer Bürgermeisterin Melanie Huchel zusammen mit Hans-Jürgen Müller „Dann hat unser damaliger Ortsbürgermeister gesagt: Weißt du was, jedes Neugeborene in diesem Ort bekommt sofort eine Genossenschaftsmitgliedschaft und ich zahle die 50 Euro.Wir haben jetzt 182 Mitglieder mit einem Altersdurchschnitt vonunter 60 Jahren und das, obwohl das Dorf sicherlich älter ist.“(Hans-Jürgen Müller) Die amtierende Bürgermeisterin des Ortes Melanie Huchel sowie Hans-Jürgen Müller, ehemaliger Gewerkschaftssekretär, waren treibende Kräfte, die sich maßgeblich für den Dorfladen engagierten. Beide sind eng mit dem Ort verbunden. Melanie Huchel fühlt sich seit früher Kindheit in Deersheim verwurzelt; Hans-Jürgen Müller wohnt bereits seit 40 Jahren in der Ortschaft. Im Gespräch gaben sie Einblicke in die Entstehung und die aktuelle Situation des Dorfladens. Sie berichten, wie sich aus dem Slogan „Miteinander.Deersheim!“ ein starkes Gemeinschaftsgefühl entwickelt hat, welches sich im alltäglichen Betrieb des Mehrfunktionshauses deutlich beobachten lässt. Innenansichten des Dorfladens: Verkaufstheke … … Ladenfläche … … das Café … … und die Mitmachküche Die 300 Quadratmeter große Fläche des Dorfladens – mit Café, Galerie, kleinem Bücherflohmarkt, Mitmachküche und multifunktionalem Beratungsraum – erfüllt mittlerweile deutlich mehr Funktionen als die bloße Abdeckung der örtlichen Nahversorgung. Im angrenzenden Gebäude des Komplexes, der Markthalle – einem ehemaligen und mittlerweile sanierten Ochsenstall – ist auf einer Fläche von 600 Quadratmetern sehr viel Platz für Veranstaltungen jeglicher Art. Beispielsweise finden hier Flohmärkte sowie die jährlichen Frühlings- und Herbstmärkte statt. Aber auch öffentliche Liveübertragungen von Fußballspielen hat es schon gegeben. Darüber hinaus ist es möglich, die Markthalle für Hochzeiten oder andere Feierlichkeiten anzumieten. Platz für Veranstaltungen in der Markthalle: Außenansicht … … und Innenansicht „Im Januar 2016 haben wir auf der Grünen Woche die Förderung gekriegt und im November wurde dieses Objekt eingeweiht. Das wurde sogar vom Ministerpräsidenten eröffnet mit den markigen Worten: Liebe Genossinnen und Genossen! Das war wirklich eine schöne Zeit und wir haben uns alle viel Mühe gegeben.“ (Hans-Jürgen Müller) Ein Projekt mit Rückenwind: Förderprogramme für Deersheim im Überblick Im Gespräch wurde über die Impulse und den Prozess – von der Projektidee bis hin zur Eröffnung im Jahr 2016 unter Anwesenheit des Ministerpräsidenten von Sachsen-Anhalt, Dr. Reiner Haseloff – gesprochen. Im Vordergrund standen darüber hinaus die Finanzierung des Vorhabens und des gesellschaftlichen Engagements, ohne welches der Dorfladen so nicht existieren würde. Aber auch in einer solchen „Cinderella-Story“ laufen nicht immer alle Dinge reibungslos. Es wurden auch aktuelle Probleme und Herausforderungen thematisiert, insbesondere was den Betrieb des Dorfladens betrifft. Die Förderung des Projektes „Miteinander.Deersheim!“ und des Dorfladens setzte sich aus Bundes- und Landesmitteln zusammen. Die Gelder kamen aus dem LEADER-Programm, aus dem Bundesprogramm Ländliche Entwicklung (BULE) vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL), dem Ministerium für Wirtschaft, Tourismus, Landwirtschaft und Forsten (MWL) und dem heutigen Ministerium für Wissenschaft, Energie, Klimaschutz und Umwelt des Landes Sachsen-Anhalt (MWU). Eine weitere finanzielle Basis bilden die Genossenschaftsanteile der Dorfladen eG. Diese kosten 50 Euro pro Anteil und jedes Mitglied der Genossenschaft muss mindestens einen Anteil zeichnen. Es können aber beliebig viele Anteile gezeichnet werden, um die Unterstützung zu erhöhen. Insbesondere diese finanziellen Mittel spielen eine bedeutende Rolle, vor allem für den laufenden Betrieb, aber auch für die Umsetzungsphase des Projekts. Ohne die zuvor genannten Fördermittel wäre die Realisierung jedoch nicht möglich gewesen. Zwischen 2011 und 2013 flossen erstmals Fördergelder in Form von LEADER-Mitteln, vergeben an die Stadt Osterwieck, für die Sanierung des Gebäudekomplexes „Edelhof“. Mit einer Förderung von insgesamt 240.000 Euro konnte zum einen die historische Bausubstanz erhalten werden. Zum anderen ist hierdurch auch der Ortskern aufgewertet worden. Im Zuge dieser Sanierung wurde die Edelhofhalle, als großer Veranstaltungsort für den Ort, geschaffen, aber auch die Gebäudeteile für den späteren Dorfladen und die Markthalle profitierten davon. Rückblickend stellte diese Instandsetzung des Gebäudekomplexes deshalb die Grundlage für die zukünftige Standortentscheidung für den Dorfladen dar, da eine bedeutende Investition somit schon im Vorfeld getätigt worden ist. Das BMEL würdigte das Engagement in Deersheim und wählte „Miteinander.Deersheim!“ als Leuchtturm-Projekt aus. Im Rahmen der Internationalen Grünen Woche (IGW) 2016 in Berlin wurde die Deersheimer Initiative vorgestellt und eine Förderung in Höhe von 150.000 Euro an die Verantwortlichen überreicht. Diese Gelder leisteten einen maßgeblichen Beitrag zum Ausbau und zur Umgestaltung des denkmalgeschützten Gebäudes. Zudem rückte die Würdigung auf der Grünen Woche das Projekt in ein öffentliches Licht und verschaffte ihm große Aufmerksamkeit. Wie bereits erwähnt kamen die initialen Fördermittel, im Rahmen des Forschungsprojektes „ZukunftsWerkStadt“, im Jahr nach der Schließung der örtlichen Kaufhalle. Hierbei handelte es sich um eine Förderung auf Landesebene, die durch das MWL vergeben worden ist. Weitere Fördergelder gewährte 2020 das MWU im Rahmen des Modellprogramms „DorfGemeinschaftsladen“. In diesem Programm ist der Dorfladen Deersheim mit zusätzlichen 91.000 Euro unterstützt worden. Bei der Finanzierung der Initiative und des Dorfladens lässt sich ein Dreiklang aus Kreditfinanzierung, öffentlichen Geldern und Genossenschaftsanteilen erkennen.
Ein Ort zum Mitmachen und Begreifen – der „heimatHOF“ Gut Ziegenberg in Ballenstedt
Ein Ort zum Mitmachen und Begreifen der „heimatHOF“ Gut Ziegenberg in Ballenstedt Mit unserem Besuch auf dem heimatHOF Gut Ziegenberg haben wir direkt zwei Beispiele guter Praxis kennen lernen dürfen. Der heimatHOF selbst gibt uns Einblicke in einen aktivierten Leerstand, während der dahinterstehende Verein heimatBEWEGEN für Initiative und Engagement in Ballenstedt steht. Im Gespräch mit Anneke Richter, einer der Initiator*innen, bekamen wir spannende Einblicke in das Wirken des Vereins und das Miteinander auf dem ehemaligen Gutshof und in der Stadt Ballenstedt. „Total viele Leute verbinden hiermit eine Geschichte. Nachdem das hier ein Gutshof war, nach dem zweiten Weltkrieg, wurde es zu einer LPG. Da haben viele der Leute gearbeitet oder gewohnt und die verbinden was mit diesem Hof, weil sie den persönlichen Bezug haben.“ Ballenstedt ist eine Kleinstadt im Landkreis Harz. Nach Angaben der Statistischen Ämter des Bundes und der Länder leben aktuell rund 8.800 Menschen (Stand Juli 2024) in der Sachsen-Anhaltinischen Stadt. Aufgrund der engen Verbindung mit dem Adelsgeschlecht der Askanier wird Ballenstedt als „Wiege Anhalts“ bezeichnet. Der alte Glanz lässt sich noch heute erkennen, beispielsweise in Form des Residenzschlosses Ballenstedt, der Roseburg, des Oberhofs oder des Stadtparks. Auf der anderen Seite ist die Kleinstadt von zunehmendem Leerstand betroffen. Dieser Problematik haben sich die Hauptinitiator*innen Anneke Richter, Nicole Müller, Peggy Arlt und weitere Mitstreiter*innen angenommen, als sie im Jahr 2018 das Gut Ziegenberg pachteten. Dieses stand seit Anfang der 2000er Jahre leer und ist zum Teil noch immer von Verfall gezeichnet. Als ehemaliger Versorgungshof des alten Jagdschlosses auf dem großen Ziegenberg hat der Gutshof eine weit zurückreichende Geschichte, welche auch für Ballenstedt insgesamt von prägender Bedeutung ist. Im November 2017 wurde die Initiative heimatBEWEGEN gegründet. Diese hat sich in ihren Grundsätzen dem solidarischen Zusammenleben, -lernen und -arbeiten in Ballenstedt verschrieben. Mit der Pachtung des Gutshofes schufen Anneke Richter und ihre Mitstreiter*innen einen neuen Begegnungsort, an dem sie ihre Ziele umsetzen können. Es handelt sich um einen „Ort zum Hören, Fühlen, Begreifen und Mitmachen“, wie es die Initiator*innen selbst beschreiben. Klein- und Mitmachgarten auf dem Gelände des Gutes – kleine Installationen lassen sich überall finden Mitinitiatorin Anneke Richter und ehrenamtlicher Helfer Alexander auf Gut Ziegenberg Der Verein heimatBEWEGEN ist die übergeordnete Struktur hinter den nachfolgenden Angeboten. Somit dient die Initiative als Trägerin für die Durchführung von Projekten und Ausgangspunkt für jegliche Umsetzungen. Der heimatHOF stellt den physischen Ort dar, an dem die Visionen des Vereins hauptsächlich realisiert und greifbar gemacht werden. Die heimatHERBERGE ist ein Bed ‘n Breakfast und bietet Reisenden (z. B. Radfahrer*innen oder Wandertourist*innen) eine Unterkunft mit individuell gestalteten Zimmern. Zusätzlich finden sich auf dem Gelände auch Zelt- und Wohnmobilstellplätze. Das heimatLABOR stellt einen außerschulischen Lernort dar und bietet Raum für handwerkliche und künstlerische Entfaltung. Zudem fungiert sie als Ideenschmiede zu Themen wie Stadtentwicklung, Tourismus, Handwerk, Umweltschutz oder Versorgung im Alter. Der heimatRAUM ermöglicht gemeinschaftliches Arbeiten und Reflexion. Darüber hinaus stehen Räume für Vorträge, Workshops, Trainings, Kurse und (Vereins-) Sitzungen zur Verfügung. Das heimatQUARTIER setzt auf die grundlegende Idee des generationsübergreifenden Miteinanders und ermöglicht Menschen jeden Alters und in unterschiedlichen Lebenslagen ein selbstbestimmtes, bezahlbares Wohnen. Der heimatKONTOR ist ein Anlaufpunkt für den Verkauf von Selbstgemachtem, Selbstgekochtem oder Selbstgebackenem aus der Stadt und der Region. Bei den Produkten wird darauf geachtet, dass sie umweltverträglich produziert und verpackt sind. Ideenreichtum trifft auf Unterstützung – das Finanzierungsmodell von „heimatBEWEGEN“ Bei der Finanzierung des Vereins heimatBEWEGEN und dem heimatHOF Gut Ziegenberg handelt es sich um eine Mischfinanzierung aus Fördermitteln, Fundraising, Sponsoring, Spenden und zum Teil auch eigenen Einnahmen. Derzeit generieren sich diese Einnahmen noch ausschließlich durch die Vermietung von Zimmern, das Verpachten von Flächen und durch die Unterstützung von Forschungsprojekten als Praxispartner. Zukünftig sollen zusätzliche Gelder durch den Betrieb des Cafés und die Vermarktung regionaler Produkte im heimatKONTOR erwirtschaftet werden. Die Fördermittel bilden für die Arbeit in den Projekten jedoch die bedeutendste Säule der Finanzierung, was bei einem Blick auf die Website von heimatBEWEGEN sofort deutlich wird. Die Darstellung der gesamten Fülle an Drittmitteln wäre an dieser Stelle zu umfangreich. Deshalb gehen wir im Folgenden nur auf die bedeutsamsten Förderungen ein. Das jüngste Projekt WerkSTADT startete Anfang 2025 und hat eine Laufzeit von 30 Monaten, bei einer Fördersumme in Höhe von 200.000 Euro. Die Mittel stammen aus dem Bundesprogramm Ländliche Entwicklung und Regionale Wertschöpfung (BULEplus), welches vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) aufgelegt wird. Das Projekt WerkSTADT legt einen thematischen Fokus auf sozialräumliche Entwicklungsprozesse, wobei das Miteinander und Zugehörigkeitsgefühl in der Gemeinschaft sowie die regionale Identität gestärkt werden sollen. Erreicht werden soll dies u. a. dadurch, dass die Menschen Selbstwirksamkeit und die Möglichkeit der Beteiligung erfahren. Die heimatHERBERGE und deren Sanierung sind maßgeblich durch eine LEADER-Förderung in Höhe von 70.000 Euro unterstützt worden. Die Fertigstellung und die Eröffnung der Herberge fand im Jahr 2020 statt. Gleichzeitig startet auch der Betrieb des Hofcafés. Für Sicherungsmaßnahmen am Gebäudekomplex des Gutshofes konnten die Initiator*innen weitere Mittel von der Denkmalpflegeförderung des Landes Sachsen-Anhalt akquirieren, die ebenfalls im Jahr 2020 gewährt wurden. Die 50.000 Euro helfen, den Verfall der Stall- und Scheunengebäude zumindest für eine gewisse Zeit aufzuhalten. Für den Aufbau eines Creative Spaces auf dem Gutsgelände leistete das Land Sachsen-Anhalt mit weiteren rund 120.000 Euro aus dem EFRE-Fonds über die Stadt-Land-Richtlinie einen Beitrag. Mit diesen Geldern konnten im Jahr 2021 mehrere alte Überseecontainer auf dem heimatHOF einer neuen Nutzung zugeführt werden. In den Jahren 2019-2021 wurde das heimatLABOR durch die Robert-Bosch-Stiftung (Programm „Neulandgewinner.“) mit 40.000 Euro für Personal- und Sachmittel, die Inanspruchnahme von Coaching- und Consultingangeboten sowie Veranstaltungen unterstützt. Hauptgebäude, Innenhof und „heimatLABOR“ Ausrangierte Überseecontainer dienen als Raum für das „heimatLABOR“ Für kulturelle Veranstaltungen sowie kleinere und größere Aktionen des Vereins werden immer wieder verschiedene Kulturförderungen eingeworben. Hierbei handelt es sich um Förderungen des Bundes und des Landes Sachsen-Anhalt. Von Seiten des Bundes stammen die Mittel aus dem Etat der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien. Die Landesmittel kommen aus der Kulturförderrichtlinie Sachsen-Anhalt. Fördergeber sind hierbei die Staatskanzlei und das Ministerium für Kultur des Landes Sachsen-Anhalt. Von besonderer Bedeutung für die Arbeit sind kleinere Förderungen in Form von Spenden, da diese eine wichtige Unterstützung darstellen. Zuwendungen stammen beispielsweise von
Neuer Glanz für die alte Bäckerei – die Sanierung eines historischen Gebäudes mit Auszeichnung
Neuer Glanz für die alte Bäckerei – die Sanierung eines historischen Gebäudes mit Auszeichnung Das großvolumige Fachwerkgebäude der alten Bäckerei in der Obergasse 11 blickt bereits auf eine lange Vergangenheit zurück. In den 1760er Jahren am Fuße des Burgbergs erbaut, stellt es damals wie heute ein stadtbildprägendes Bauwerk für die Altstadt Felsbergs im Schwalm-Eder-Kreis dar. Seit seiner Zeit als Bäckerei wurde es auf ganz unterschiedliche Weise genutzt, beispielsweise als Tattoo Studio, türkisches Männercafé oder asiatisches Restaurant, bevor es leer stand. Im Jahr 2015 entschieden sich Sonja Clobes-Jacob und ihr Mann Christian Jacob, das historische Fachwerkgebäude zu erwerben, ihm wieder zu altem Glanz zu verhelfen und es langfristig mit neuem Leben zu füllen. Das Ehepaar entschied sich bewusst für ein historisches Gebäude, welches sie denkmalpflegerisch vorbildlich sanierten und einer Mehrfachnutzung zuführten und sich damit gleichzeitig einen langgehegten Traum erfüllten. „Was wir hier natürlich geschaffen haben, ist ein bleibender Wert, der uns noch überleben wird. Es handelt sich um ein Haus von 1769 und das wäre jetzt in sich zusammengefallen.“ (Christian Jacob) „Dann habe ich zu meinem Mann gesagt, lass uns doch das alte Haus kaufen und dann mache ich oben meine Kanzlei rein und unten soll dann das Café rein. Weil, schon als Kind wollte ich gerne ein Café haben.“ (Sonja Clobes-Jacob) Das Café „Einfach nur so“ in der alten Bäckerei (© 2017 Christian Jacob) Sonja Clobes-Jacob und ihr Mann Christian stammen ursprünglich aus Felsberg und kannten deshalb das historische Fachwerkgebäude in der Felsberger Altstadt und seine Geschichte. Beide sind in der Kleinstadt in der Stadt- und Regionalentwicklung aktiv und am Erhalt der Funktionalität Felsbergs, aber auch am Erhalt der historischen Bausubstanz interessiert. Durch ihre Tätigkeit als Vorsitzende des Haus- und Grundbesitzervereins wusste Sonja Clobes-Jacob, dass die alte Bäckerei zum Verkauf stand. Zu diesem Zeitpunkt war sie gerade auf der Suche nach neuen Räumlichkeiten für ihre Anwaltskanzlei. Im Juni 2015 fiel deshalb die Entscheidung für den Ankauf der Immobilie. Die Bausubstanz war in einem schlechten Zustand. Im Innenraum fehlten zum Teil tragende Fachwerkelemente, der Gewölbekeller war teilweise einsturzgefährdet und die Außenfassade musste vorübergehend abgestützt werden. „Das Haus war teilweise nur mit Stützen abgestützt und man konnte durchgucken,weil ganz viele Balken verfault waren und es musste ganz viel neu eingezogen werden.“ (Christian Jacob) Seitenansicht des Gebäudes vor … … und nach der Sanierung (© 2015/17 Christian Jacob) Trotz des maroden Zustands renovierte das Paar, zum Teil mit einem hohen Einsatz an Eigenleistung, die alte Bäckerei in nur gut einem Jahr. Der Einzug der Kanzlei erfolgte bereits im März 2016. Im Sommer desselben Jahres folgten die Eröffnung des Cafés „Einfach nur so“ im Erdgeschoss des Gebäudes und die Vermietung der Ferienappartements im oberen Geschoss des Hauses. Innenansichten aus dem Treppenaufgang des Hauptgebäudes (© 2017 Christian Jacob) Auch das benachbarte Fachwerkgebäude, in welchem sich heute ein Lädchen für Antiquitäten und das erlebnisgastronomische Restaurant „KontrastReich“ befinden, wurde von ihnen nahezu zeitgleich saniert. Die Fertigstellung erfolgte im November 2017. Lädchen im Nebengebäude (© 2017 Christian Jacob) KontrastReich im Nebengebäude (© 2017 Christian Jacob) Gewölbekeller (© 2017 Christian Jacob) Zwischen Zuschüssen und Eigenmitteln: Wie Eigenleistung und private Gelder die Rettung ermöglichten Die Finanzierung der Sanierung des baufälligen Fachwerkgebäudes stellte eine Herausforderung dar. Den neuen Eigentümer*innen war es wichtig, das historische Gebäude nicht nur zu erhalten, sondern seinen ursprünglichen Zustand so gut es geht wiederherzustellen. Eine solche denkmalpflegerische Instandsetzung ist zumeist sehr aufwendig, mit erhöhten Baukosten verbunden und erfordert ein hohes Maß an Absprachen mit den entsprechenden Behörden. Vor dem Hintergrund der denkmalgerechten Sanierung wurde das Vorhaben durch die untere Denkmalschutzbehörde in Homberg (Efze) begleitet und mit Kleinförderungen der Denkmalpflege unterstützt. Den wesentlichen Teil der Finanzierung machten jedoch Mittel aus dem Städtebauförderungsprogramms „Stadtumbau West“ aus (siehe Info-Kasten). Im Jahr 2017 wurden die Bauverantwortlichen für ihre Bemühungen mit dem Hessischen Denkmalschutzpreis ausgezeichnet. Diese Prämierung wurde mit dem Erhalt des Gewölbekellers und der Aufarbeitung der historischen Eingangstür aus dem frühen 19. Jahrhundert begründet. Das Preisgeld stellte einen finanziellen Zuschuss für die Sanierung dar. Historische Eingangstür aus dem frühen 19. Jahrhundert (© 2015/17 Christian Jacob) Stadtumbau West war ein Bund-Länder-Programm, welches sich an Städte und Gemeinden der alten Bundesländer richtete, die vom demografischen und wirtschaftlichen Strukturwandel besonders betroffen sind. In seiner Laufzeit von 2004 bis 2016 wurden in 529 Kommunen mehr als 947 Millionen Euro an Bundesfinanzhilfen zur Verfügung gestellt. Im Jahr 2017 wurde Stadtumbau West mit seinem Pendant Stadtumbau Ost zum Programm Stadtumbau zusammengelegt. Bis 2019 wurden hierüber in rund 1.120 Kommunen insg. 2.011 Maßnahmen umgesetzt. Seit 2020 werden die Förderziele des Stadtumbaus im Programm „Wachstum und Erneuerung“ weitergeführt, welches zusammen mit den beiden anderen Teilprogrammen „Lebendige Zentren“ und „Sozialer Zusammenhalt“ die aktuelle Städtebauförderung bildet. Träger der Förderung ist das Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen (BMWSB). Das Ziel dieser Programme der Städtebauförderung war und ist es auch weiterhin, Kommunen dabei zu unterstützen, sich auf notwendige Anpassungsprozesse vorzubereiten oder auf diese zu reagieren. Eine weitere Säule der Finanzierung bildeten LEADER-Mittel dar. Über die Region Mittleres Fuldatal bewarben sich die Bauverantwortlichen für die Förderung ihres Vorhabens, die alte Bäckerei in der Altstadt Felsbergs wiederzubeleben. Der Antrag stieß auf großen Zuspruch und der Mittelzuschlag wurde schließlich per Beschluss bewilligt. „Das Problem von diesen ganzen Förderprogrammen ist auch, dass das dann so wie mit der Gießkanne ist. Man darf ja keinen ausschließen und dann kriegen sie geringfügige Beträge und können damit nicht wirklich viel machen.“ (Christian Jacob) Laut Christian Jacob deckten die akquirierten Fördermittel zwischen 10 und 15 % des Gesamtvolumens der Sanierung. Der Hauptanteil der Ausgaben wurde aus Eigenmitteln finanziert. Hinzu kamen viele Eigenleistungen bei den Arbeiten am und im Gebäude, was zur zügigen Umsetzung und Kostenersparnis beitrug. Familie, Freunde und Fachleute – das soziale Umfeld als Schlüssel zum Erfolg Die Stadt Felsberg spielte bei der Umsetzung des Vorhabens eine eher untergeordnete Rolle. In erster Linie belief sich die Mithilfe der Stadt auf die Verteilung bzw. Bewilligung der Fördermittel aus dem Städtebauförderungsprogramm „Stadtumbau West“. Die Zuständigkeit der Mittelvergabe obliegt der Stadt und die Bewilligung erfolgte durch einen Ratsbeschluss. Daneben wurde die gute und produktive Zusammenarbeit mit der unteren Denkmalschutzbehörde in Homberg als
Ein Beispiel für eine gelungene Wiedernutzung, Bewahrung historischen Erbes und den Erhalt von Baukultur
Ein Beispiel für eine gelungene Wiedernutzung, Bewahrung historischen Erbes und den Erhalt von Baukultur Die historische Kleinstadt Felsberg im nordhessischen Schwalm-Eder-Kreis wurde im 13. Jahrhundert erstmals urkundlich erwähnt. Sie liegt an der Eder und wird von der Felsburg, einer aus dem 11. Jahrhundert stammenden mittelalterlichen Burgruine, überragt, die der Stadt ihren Namen gab. Die Kleinstadt und die Region sind geprägt von Fachwerkhäusern und einer abwechslungsreichen Umgebung, die sowohl für die Bevölkerung als auch für den Tourismus attraktiv sind. Die Mitte des 19. Jahrhundert im klassizistischen Stil erbaute Synagoge steht im historischen Ortskern von Felsberg, in einer der vielen schmalen Gassen der Kleinstadt. Bevor sie von 2013 bis 2022 leerstand, wurde sie als Gastwirtschaft und später als Restaurant, mit darüber liegenden Wohnräumen, genutzt. In ihren Fenstern spiegelt sich die Felsburg und die evangelische Stadtkirche ist nur einen Steinwurf weit entfernt. Bei dem Gebäude der alten Synagoge handelt es sich um eines der wenigen und frühesten aus Stein gebauten historischen Gebäude der Stadt. Dies alles macht auf den ersten Blick klar, welche Bedeutung es für den Ort hatte. Hier, in der Ritterstraße 3, haben wir uns mit Christopher Willing, dem ersten Vorsitzenden des Vereins „Rettet die Synagoge Felsberg“ zum Gespräch getroffen. Wir wollten von ihm mehr über die Motivation zur Wiederbelebung der Synagoge und die Erfolgsfaktoren erfahren. Auch über Erschwernisse und Hürden, mit denen während des Prozesses umzugehen war, haben wir gesprochen. Schaffung eines Ortes gelebter jüdischer Geschichte und Kultur Hessen spielte eine wichtige Rolle in der Geschichte des Judentums in Deutschland, insbesondere durch das ausgeprägte Landjudentum. Um 1900 existierten hier rund 450 jüdische Gemeinden, etwa ein Drittel aller jüdischen Gemeinden im Deutschen Reich. Diese hohe Dichte geht auf die Einladung des Landgrafen von Hessen-Kassel nach dem Dreißigjährigen Krieg zurück, um Bevölkerungsverluste auszugleichen. Im ländlichen Raum, etwa in Felsberg, wo Juden bis zu 20 % der Bevölkerung stellten, wurde jüdisches Leben sichtbarer Bestandteil des Alltags in den Gemeinden. Im Vergleich dazu war das Landjudentum in anderen Teilen Deutschlands, etwa im Osten Deutschlands oder in Niedersachsen, nahezu unbekannt, abgesehen von vereinzelten Ausnahmen wie, im Falle von Niedersachsen, in Ostfriesland. Die Synagoge zeugt von der Bedeutung der jüdischen Gemeinde in Felsberg. Ihre Errichtung war ein Zeichen von Wohlstand, gefördert durch Spenden ausgewanderter Unterstützer*innen. An der Einweihungsfeier im Jahr 1847 nahmen 300 Personen teil, während sich circa 1.000 weitere vor der Synagoge versammelten – beachtlich für eine Kleinstadt dieser Größe, die zu dieser Zeit knapp 200 jüdische Gemeindemitglieder hatte. Nach der Verfolgung und Enteignung der jüdischen Gemeinde im Nationalsozialismus – das Gebäude blieb im Gegensatz zum Innenraum dank des beherzten Eingreifens weniger Anwohner*innen weitgehend unversehrt – begann im Jahr 2007 eine neue Phase: Der geplante Rückkauf des, als Gastronomie genutzten, Gebäudes und die Wiedernutzung der Synagoge als Gebetshaus. Ein erstes Konzept stellte Herr Willing den Vertreter*innen der Stadt im Jahr 2008 vor. Nach der Gründung des Vereins „Rettet die Synagoge Felsberg“ im Jahr 2013 und der Bewilligung von Fördergeldern im darauffolgenden Jahr, kaufte der Verein das Gebäude im Jahr 2016 endgültig an. Der Restaurantbetrieb wurde bereits im Jahr der Vereinsgründung eingestellt, sodass das Gebäude seit 2013 leerstand. Felsberg und angrenzendes Umland Synagoge Felsberg Gedenktafel vor der Synagoge Bauherr und Vereinsvorsitzender Christopher Willing (© 2022 Christopher Willing) „Für mich ist es eine Herzensangelegenheit, das deutsche Judentum erlebbar zu machen und nicht nur auf die zwölf Jahre der NS-Zeit zu reduzieren, sondern die 900-jährige jüdische Geschichte in der Region zu betonen.“ Auf Initiative des Vereins wurde, wie bereits erwähnt, in den Jahren 2007 und 2008 ein umfassendes Konzept entwickelt, das vier Säulen umfasst: Die Gemeinde, den interreligiösen Dialog zwischen Juden, Christen und Muslimen, die jüdische Geschichte in Nordhessen und die denkmalgerechte Wiederherstellung. Nach umfangreichen Bau- und Sanierungsarbeiten in den Jahren ab 2016 wurde die Synagoge im Jahr 2022 als Gebets- und Kulturstätte wiedereröffnet. Dies war ein Ereignis von immenser Bedeutung – nicht nur für die kleine Stadt Felsberg, sondern auch für die gesamte Region. Über die religiöse Nutzung hinaus besitzt das Gebäude aufgrund seiner Bauweise im klassizistischen Stil auch kulturelle Bedeutung. Förderung und Engagement als Schlüssel zum Erfolg Der entscheidende Startschuss zur Wiederbelebung der Synagoge fiel 2014, als Fördermittel vom Land Hessen und weiteren Institutionen bewilligt wurden. Mit Unterstützung der Regionalmanagerin der LEADER-Region Mittleres Fuldatal, Marion Karmann, und der Stadt Felsberg als Antragsteller, erhielt der Verein zur Rettung der Synagoge die nötigen Mittel für die Restauration. Die Gründung des Vereins war eine Bedingung, dass Fördermittel ausgezahlt werden konnten. Ein Großspender, dessen Zusage das Vertrauen der Stadt gewann und die Umsetzung erst ermöglichte, sorgte für die zügige Realisierung der Umbaumaßnahmen. Er bestand darauf, dass die Bauarbeiten effizient und ohne Verzögerungen durchgeführt wurden. Ermöglicht wurde dies durch die umfassenden Netzwerke des privaten Förderers und Christopher Willings. Mit einem Gesamtvolumen von 1,35 Millionen Euro, wovon über 800.000 Euro durch Förderungen gedeckt wurden, war die Finanzierung eine komplexe Herausforderung, die dank der Unterstützung vieler Akteur*innen gemeistert werden konnte. Unter anderem unterstützten auch das Innenministerium des Landes Hessen und die Deutsche Stiftung Denkmalpflege das Projekt. Zusätzlich sind mittlerweile über 700.000 Euro an Spendengeldern eingegangen. Diese und weitere Spendengelder sowie kleinere Kulturförderungen und Einnahmen aus Veranstaltungen stellen einen wesentlichen Beitrag zur Deckung laufender Kosten dar. „Nach zwei Jahren hatten wir über 25 Artikel in der HNA über das Projektund was wir alles machen. Das half, einem potenziellen Unterstützer zu zeigen, dass das Projekt läuft. Die Bauhülle reicht ja nicht, wenn es nicht bespielt wird. Der Effekt wird ja nur in Kombination erreicht.“ Besonders beeindruckend war der Einsatz der Ehrenamtlichen, die organisatorische Arbeiten und die Besorgung dringend benötigter Dinge übernahmen, um das Projekt voranzutreiben. Beispielsweise leistete Christopher Willing seine Arbeit als Bauingenieur und Bauherr ehrenamtlich und sorgte dafür, dass die Sanierung auch auf fachlicher Ebene perfekt umgesetzt wurde. Ein wichtiger Aspekt den Zuschlag für die Finanzierung zu erhalten war jedoch eine klare Trennung der Gewerke von ehrenamtlich geleisteter Arbeit. Dies diente auch in der Planung bereits der gezielten Verwendung der Fördermittel. Von der statischen Verstärkung des Dachstuhls bis hin zur Restaurierung der Fassade wurde jedes Detail sorgfältig geplant und umgesetzt. Diese transparente Organisation war essenziell für
Traditionelle Baukultur, regionale Identität und Zukunft – wie Regionalmanagement kulturelles Erbe erhalten und eine Region weiterentwickeln kann
Traditionelle Baukultur, regionale Identität und Zukunft wie Regionalmanagement kulturelles Erbe erhalten und eine Region weiterentwickeln kann Das Bundesland Hessen hat insgesamt 24 LEADER-Regionen, wovon fünf im Schwalm-Eder-Kreis liegen. Zwei dieser Fördergebiete befinden sich ausschließlich in diesem Landkreis, wohingegen die drei anderen Regionen landkreisübergreifend agieren. Bei der LEADER-Region Mittleres Fuldatal handelt es sich um eines der beiden Fördergebiete, die allein im Schwalm-Eder-Kreis tätig sind. Hier war Marion Karmann insgesamt 16 Jahre als Regionalmanagerin und zuletzt als Geschäftsführerin des Regionalmanagements tätig. Sie stammt aus der Region, weswegen es ihr auch ein persönliches Anliegen ist, die regionale Entwicklung voranzutreiben. „16 Jahre sind eine lange Zeit und man sammelt entsprechende Erfahrungen. Ich weiß, wer mit wem kann oder eben auch nicht. Ich sehe auch die Schwächen der Region, aber auch die Stärken und wo es Potenziale gibt. Von daher ist die Regionalentwicklung für mich nicht nur ein Job, sondern eine gewisse Passion.“ Zu ihrer Tätigkeit kam sie beinahe zufällig, erinnert sich Marion Karmann, die ursprünglich aus der Textilindustrie stammt. Nach einem aufbauenden wirtschaftswissenschaftlichen Studium kam sie mit regionalen Innovationssystemen in Berührung und widmete sich diesen aus einer wissenschaftlichen Perspektive. Mit der Aufnahme ihrer Tätigkeit als Regionalmanagerin sah sie die Gelegenheit, ihr bis dahin erworbenes, eher theoretisches Wissen in der Praxis zu vertiefen. „Es hilf ja niemandem weiter, wenn die Ortskerne aussterben und man die Angebote nur noch im Außenbereich hat. Außerdem ist mir persönlich die historische Bausubstanz viel wert. Es ist ja ein Zeugnis für einen Ort und für eine Region, wie die Baukultur gestaltet ist und zugleich ein Zeugnis für die Handwerkskunst.“ Projekte der Innen- und Leerstandsentwicklung gewinnen im Schwalm-Eder-Kreis zunehmend an Bedeutung. Kommunen, aber auch Privatpersonen sind hierfür zunehmend sensibilisiert und versuchen, auch mit der Hilfe des Regionalmanagements, dem Aussterben von Ortskernen entgegenzuwirken. Der Donut-Effekt ist jedoch schon vielerorts im Landkreis zu beobachten. Viele zumeist von historischer Bausubstanz geprägte Ortszentren sind von Leerständen und Verfall gezeichnet. Die Sanierung solcher Gebäude ist oft sehr aufwendig und die engagierten Menschen, die sich solcher Immobilien annehmen, haben aus Sicht der Regionalmanagerin größten Respekt verdient. Das Thema Baukultur und deren Erhalt stellt im Schwalm-Eder-Kreis einen wesentlichen Aspekt der regionalen Entwicklung dar, zumal die traditionelle und oftmals unter Denkmalschutz stehende Bausubstanz ein Aushängeschild der Region ist. Opulente Fachwerkgebäude oder aufwendige Verschindelungen prägen das baukulturelle Erbe und wirken identitätsstiftend. Die Region Mittleres Fuldatal ist aus dem Zweckverband Gewerbegebiet Mittleres Fuldatal hervorgegangen. Dieser wurde im Jahr 1998 mit dem Ziel, ein gemeinsames Gewerbegebiet zu entwickeln, gegründet. Mit einem Beschluss der Verbandsversammlung im Jahr 2005 wurde die (kommunale und interkommunale) Innenentwicklung als Entwicklungsziel ergänzt und der Zweckverband bewarb sich auf Förderprogramme. Zwischen 2005 und 2007 wurden das Integrierte Kommunale Entwicklungskonzept (IKEK) und das Regionale Entwicklungskonzept (REK) für den Altkreis Melsungen entwickelt und als Bewerbungsgrundlage genutzt. Eine Besonderheit bei der Konzepterstellung war eine breit angelegte Bürgerbeteiligung, welche die Zielfestlegung der Konzepte maßgeblich beeinflusste. Im Jahr 2009 begann die Umsetzung der ersten LEADER- und Stadtumbauprojekte. In den folgenden Jahren wurden weitere Projekte konzipiert und umgesetzt, Förderquellen diversifiziert und im Jahr 2014 schließlich die Regionalentwicklungsgesellschaft Mittleres Fuldatal gegründet. Im Zeitraum 2008 bis 2022 konnten mit Hilfe des Regionalmanagements insgesamt rund 200 Maßnahmen realisiert werden. Hierfür sind ca. 14,3 Millionen Euro an Fördermitteln eingeworben worden. Der Regionalentwicklungsgesellschaft Mittleres Fuldatal und auch Marion Karmann selbst ist es ein großes Anliegen, das Image der Region und ihrer kleinen und größeren Orte zu stärken. Dass dies nicht immer einfach ist und problemlos gelingt, dessen ist man sich in der Region bewusst. In einer zielgerichteten Ansprache von kommunalen und privaten Akteur*innen und einer gezielten Unterstützung bei der Planung und Umsetzung, vor allem aber bei der Akquise von Fördermitteln, liegt aus Sicht von Marion Karmann der Schlüssel für eine erfolgreiche Regionalentwicklung. Fördergelder für die Anschluss- und Zukunftsfähigkeit: So entwickelt sich die Region Mittleres Fuldatal weiter In den fünf LEADER-Regionen im Schwalm-Eder-Kreis sind in den letzten fünf Jahren ca. 5 bis 6 Millionen Euro aus verschiedenen Förderprogrammen akquiriert worden. Neben der LEADER-Förderung war über einen langen Zeitraum auch das Städtebauförderungsprogramm „Stadtumbau in Hessen“ eine wesentliche Bezugsquelle für die Finanzierung von Projekten in der Region. Im Zuge der Diversifizierung der Förderquellen konnten sich Gestalter*innen zusätzlich auf Mittel aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) und dem Hessischen Dorfentwicklungsprogramm „Dorf hat Zukunft“ bewerben. Das Förderprogramm „Stadtumbau in Hessen“ wurde im Jahr 2024 nach einer Laufzeit von insgesamt 16 Jahren beendet. In dieser Zeit wurde in der Region Mittleres Fuldatal ein Umsetzungsvolumen von 7,2 Millionen Euro erzielt. Zu den geförderten Projekten aus dieser Förderung zählen beispielsweise die Synagoge in Felsberg sowie die ebenfalls in Felsberg gelegene alte Bäckerei, in der jetzt das Café „Einfach nur so“ zu finden ist. Weitere Beispiele sind der Bahnhof und das alte Forsthaus in Melsungen sowie Hof Raabe und die Salzmannhalle in Morschen. Nebengebäude des Melsunger Bahnhofs vor … … und nach der Sanierung (© Regionalentwicklungsgesellschaft Mittleres Fuldatal) Das alte, sanierungsbedürftige Forsthaus, welches vor seiner Reaktivierung schon lange leer stand, bündelt seit 2011 zahlreiche öffentliche Einrichtungen. Hierzu zählen beispielsweise das Bürgerbüro, das Ordnungsamt oder die Kfz-Zulassungsstelle der Stadt Melsungen. Als interkommunales Dienstleistungszentrum „Am Sand“ leistet das Gebäude, welches in der Nähe des historischen Marktplatzes liegt, einen relevanten Beitrag zur Belebung der Innenstadt und steht sinnbildlich für einen nachhaltigen Umgang mit Leerstand. Durch die Umnutzung des alten Forsthauses, einen neugebauten Anbau und eine gestalterische Aufwertung im Außenbereich ist das 3.000 Quadratmeter große Grundstück nun eine wichtige Verbindung zwischen der historischen Altstadt und dem so genannten „Sandareal“. Hof Raabe in Alt-Morschen vor … … und nach der Sanierung durch die Gemeinde (© Regionalentwicklungsgesellschaft Mittleres Fuldatal) Der Hof Raabe liegt im Ortsteil Altmorschen der nordhessischen Gemeinde Morschen. Es handelt sich dabei um ein landwirtschaftliches Ensemble, bestehend aus dem Wohnhaus (Haus Raabe), einem Zwischengebäude und der Scheune, die im Rahmen der Sanierungsarbeiten abgerissen wurde. Entwickelt und reaktiviert worden ist der ehemalige Hof von der Gemeinde Morschen, die sich dem Leerstand annahm, um es für eigene Zwecke umzunutzen. Das Haus Raabe selbst stammt aus dem Jahr 1757 und zählt zu den ortsbildprägenden Gebäuden Altmorschens. Anfang des Jahres 2011 zog das Rathaus
Handlungsstrategie Leerstandsaktivierung – Leerstand beseitigen, bezahlbaren Wohnraum schaffen, gemeinsam handeln!
BMWSB – 2025 Deutschland – allgemein