Die Scheune Bollewick – vom Gutshaus zur Kulturscheune In Mecklenburg-Vorpommern prägten Gutsbetriebe über Jahrhunderte die ländliche Struktur. Vom 19. Jahrhundert bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg waren sie zentrale Akteure der Agrarwirtschaft und ihre meist adeligen Eigentümerfamilien bestimmten über das Leben der Menschen. Heute gibt es in Mecklenburg-Vorpommern noch über 2.000 Gutshäuser, Herrenhäuser, Schlösser und Burgen (Quelle: Hochschule Neubrandenburg). Den Erhalt dieses (bau-)kulturellen Erbes und die Sanierung der meist denkmalgeschützten Gebäude gehen vielerorts Gemeinden wie auch private Akteur*innen (u.a. Vereine, Stiftungen) an, um die Gebäude einer neuen Nutzung zuzuführen. So auch in Bollewick! Wir haben dort die größte Feldsteinscheune Deutschlands besucht und mit der Bürgermeisterin Antje Styskal sowie Doreen Hörning vom Scheunen-Management gesprochen. Bollewick ist auch für viele weitere, zukunftsweisende Entwicklungen und vielfältige Aktivitäten sehr bekannt und daher Ziel vieler Bildungsreisen, u.a. trägt die Gemeinde seit Jahren den Titel „Bioenergiedorf“. Die größte Feldsteinscheune Deutschlands: Geschichte und Visionen Die Geschichte beginnt im Jahr 1881, als Baron Wilhelm Adolf Theodor von Langermann in Bollewick bei Röbel an der Müritz entsprechend seiner Vision einer modernen Landwirtschaft das sogenannte „Landwunder“ errichten ließ: 125 Meter lang, 34 Meter breit, fast 10.000 Quadratmeter Nutzfläche. Die Scheune war ursprünglich Stallscheune für Schafhaltung, Lager und Wohnhaus in einem. Das Mauerwerk aus Feldsteinen wuchs pro Jahr einen Meter. Die Steine stammten von den umliegenden Feldern und wurden auf Steinplätzen bearbeitet, markiert und dann an der Scheune verbaut. Sehr gut sind die sogenannten Zwillingssteine zu erkennen, die durch das Spalten großer Steine entstanden. Ende der 1920er Jahre wurde das Gut wegen wirtschaftlicher Schwierigkeiten aufgelöst. Die Siedlungsgesellschaft „Hof und Hufe“ aus Berlin teilte die Scheune und das dazugehörende Land auf sieben Siedlerfamilien auf, die sie für Viehhaltung und Futterlager nutzten. Die Feldsteinscheune wurde Anfang der 1960er Jahre zwangskollektiviert und im Zuge des Umbaus in den 1970er Jahren von den Bauernfamilien abgekauft. Von 1968 bis 1991 nutzte die LPG „7. November“ das imposante Gebäude als Milchviehanlage mit 650 Kühen und offenen Güllelagern. Das Dorf war durch den Güllegestank sehr belastet. Die schlechten Haltungsbedingungen in einer Landwirtschaft, die Effizienz über Tierwohl stellte, hinterließen Spuren an den Gebäuden, bei den Tieren und den Menschen. Nach der der politischen Wende wurde die LPG „7. November“ liquidiert. Die Liquidatoren konnten die große Scheune auf Grund des maroden Zustandes nicht veräußern und boten das Gebäude der Gemeinde Bollewick als eine Schenkung an. Die Scheune, nun Altlast, stellte die Gemeindevertretung vor große Herausforderungen. In der Zeit des Umbruchs gab es viele Überlegungen, wie die große Scheune genutzt werden könnte; Investoren für eine gewerbliche Nutzung als Möbelhaus oder Baumarkt konnten nicht überzeugt werden. Bürgermeisterin Antje Styskal und Doreen Hörning vom Scheunen-Management vor dem Eingang der Scheune Bollewick Der damals frisch gewählte Bürgermeister Bertold Meyer, dessen Großvater einst zu den Siedlerfamilien gehörte, erkannte das Potenzial des Bauwerks und kämpfte für den Erhalt. „Seine Vision und Initiative hat nach der Wende vor 30 Jahrenaus seiner großen Verbundenheit mit der Scheune begonnen.““(Antje Styskal) Bürgermeister Meyer konnte die Gemeindevertretung überzeugen, die Scheune neu zu nutzen, auch wenn er mit Gegenwind zu kämpfen hatte. Unterstützt wurde er dabei von der Künstlerfamilie Löhlein und seinem Freund Werner Schinko, dem bekannten Illustrator und Künstler. Gemeinsam entwickelten sie die Idee, einen Ort für die Vermarktung regionaler Produkte, Kultur, Kunst und Kunsthandwerk aus der Region zu schaffen. Damit legten sie den Grundstein für eine der eindrucksvollsten Wiederbelebungen im ländlichen Raum Mecklenburgs. Sanierung – Stein für Stein ins neue Leben Bürgermeister aus der Region und der Landrat gründeten 1991 die Arbeits- und Ausbildungsinitiative Röbel e.V. um der stark angestiegene Arbeitslosigkeit entgegenzuwirken, Sitz dieses Vereins wurde die Feldsteinscheune in Bollewick, Bertold Meyer übernahm die Geschäftsführung. Ab 1992 wurde entkernt, gereinigt, Altlasten und Abraum auch der angrenzenden Flächen und den Güllelagunen wurden entsorgt. Dabei fanden viele der ehemaligen LPG Arbeiter*innen aus der gesamten Region eine neue Arbeitsstelle. Über die Arbeits- und Ausbildungsinitiative Röbel e.V. wurde nicht nur Arbeit in vielen regionalen Projekten organisiert, sondern jüngere Menschen konnten hier auch verschiedene Ausbildungen absolvieren. 1997 erhielten Verein und Gemeinde für diese Leistung unter anderen den Tassilo Tröscher-Preis der Agrasozialen Gesellschaft e.V. in Göttingen. Die Zeit nach der Wende bot die Chance, neu zu denken und Dinge einfach auszuprobieren, sodass die Gemeinde die Planungsphase zügig umsetzte. In den folgenden Jahren wurde Raum um Raum erneuert. Bei der Sanierung wurden z. B. alte Fenster, Türen und Dachziegel aus Abrisshäusern aus der Umgebung verbaut, vor allem in der heutigen „Markthalle“ ist dies heute zu sehen. So ist auch in den Räumlichkeiten im Inneren der Scheune ein historischer Charakter entstanden. Gefördert wurde die Sanierung über EU-, Landes- und Denkmalschutzprogramme (u. a. LEADER) und auch kommunale Eigenmittel. Der Denkmalschutz bewahrte das charakteristische Feldsteinmauerwerk, ließ aber Gestaltungsfreiheit im Inneren. Die Sanierung der Feldsteinscheune schuf Identität und holte die Menschen aus der „Schockstarre“ der Wendeerfahrung, des Umbruchs und der Schließungen. „Nach der Zeit des Stillstands ging es weiter, es ging vorwärts und es wurde etwas Neues geschaffen. Die Menschen machten die Erfahrung ‚Wir können auch etwas gut!‘ Mit der Sanierung haben sie die Tradition aufrechterhalten.“(Antje Styskal sowie Doreen Hörning) Durch die Anstellung in der Arbeits- und Ausbildungsinitiative Röbel e.V. und die vielfältigen Arbeiten und Aufgaben in der Scheune qualifizierten sich viele Beschäftigte und wurden befähigt, sich selbstständig zu machen. In der Folge entwickelten sich neue Betriebe in der Region. Nach der Wende fehlte es in der Region an Infrastruktur. Wie groß das Interesse an kulturellen Angeboten war, zeigte sich bei den ersten Veranstaltungen 1994. Die Kulturscheune Bollewick erlebte einen enormen Besucheransturm: Zur ersten Veranstaltung, der „Messe made in Mecklenburg“ kamen an vier Tagen 6.000 Gäste, den Ostermarkt 1996 besuchten dann schon 10.000 Gäste an zwei Tagen. Auch bei den Veranstaltungen arbeiteten viele Menschen zumeist ehrenamtlich mit. Die Scheune wurde zum Anker mit großer Strahlkraft in die Region. 1993 musste das Dach nach einem schweren Sturmschaden vollständig saniert werden. Eine Investition, die die Gemeinde über Zahlungen der Versicherung sowie Kredite finanzierte. Im Zuge der Dachsanierung erfolgte auch der Ausbau des ersten Obergeschosses. Nutzung – Unternehmen, Kunst, Kultur, Dorfgemeinschaft und Tourismus unter einem Dach Heute ist die Scheune Bollewick
Ein Kind der Wende und die Idee vom Neuanfang – wie ein Bürgermeister mit Mut zur Bodenpolitik Zukunft gestaltet
Ein Kind der Wende und die Idee vom Neuanfang Wie ein Bürgermeister mit Mut zur Bodenpolitik Zukunft gestaltet Marco Beckendorf, der Bürgermeister der Gemeinde Wiesenburg/Mark, hat sich entschieden, Schrumpfung nicht als Naturgesetz zu akzeptieren, sondern als einen Auftrag zum Handeln. Die Gemeinde im Westen Brandenburgs – ein Zusammenschluss von 14 Orten mit rund 4.200 Einwohner*innen auf einer Fläche von 220 Quadratkilometern – verfolgt seit einigen Jahren konsequent eine aktive Boden- und Kreditpolitik. Der Ansatz ist so einfach wie mutig: Nicht das Sparen allein bringt eine peripher gelegene, ländliche Gemeinde voran, sondern das bewusste Nutzen von Entwicklungschancen – finanziell hinterlegt, professionell organisiert und mit klaren Zielen. „Sparen allein stoppt keine Schrumpfung.“(Marco Beckendorf) Die amtsfreie Gemeinde im Landkreis Potsdam-Mittelmark war lange Zeit mit den klassischen Herausforderungen strukturschwacher Räume konfrontiert: Hohe Auspendlerquoten, sinkende Bevölkerungszahlen, Arbeitsplatzverluste und eine niedrige kommunale Steuerkraft. Über 30 Prozent der Bevölkerung gingen in den Jahren nach der Wiedervereinigung verloren. In den letzten Jahren lag der jährliche Verlust bei rund einem Prozent. Arbeitsplätze gingen ebenfalls verloren. Innerhalb von acht Jahren reduzierte sich die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Jobs um rund 15 Prozent. Die kommunale Steuerkraft lag mit etwa 500 Euro pro Kopf deutlich unter dem Landesdurchschnitt von rund 1.000 Euro. „Damals lag Aufbruch in der Luft. Man hatte das Gefühl, alles sei möglich. Ich wollte die Energie, die ich als Kind erlebt habe, nach Brandenburg zurückbringen.“(Marco Beckendorf) Ein starkes Team für nachhaltige Entwicklung: Regionalmanager*innen Matthias Braun und Laura Ryll, Anne Konstanze Eilzer von der Wirtschaftsförderung und Gemeindebürgermeister Marco Beckendorf Bürgermeister Marco Beckendorf, der aus Brandenburg stammt und als Kind die Umbruchzeit nach 1990 miterlebte, entschloss sich, die Entwicklung nicht hinzunehmen. Die positive Aufbruchsstimmung, die er damals erlebt hatte, wollte er nun selbst gestalten – zurück in eine Region, in dem Bundesland, aus dem er selbst kommt. In seinem Wahlkampf warb er mit der Überzeugung, dass auch strukturschwache Regionen Zukunft haben, wenn sie diese aktiv gestalten. Wer Fläche hat, hat Zukunft – eine kommunale Investitionsstrategie stärkt Ortskerne und lokale Wirtschaft Nach vier Jahren Konsolidierung gelang es der Gemeinde, ihre „dauernde Leistungsfähigkeit“ nachzuweisen – die Voraussetzung, um Investitionskredite aufnehmen zu dürfen. In der Niedrigzinsphase entschied sich die Gemeinde bewusst, 7 Millionen Euro an Krediten aufzunehmen. Dieses Kapital diente nicht dem kurzfristigen Ausgleich, sondern einer langfristigen Strategie: dem Erwerb von Schlüsselimmobilien und Entwicklungsflächen für Wohnen und Gewerbe. Damit schuf sich Wiesenburg/Mark einen Flächenvorrat für die kommenden zehn bis fünfzehn Jahre. „Es braucht große Projekte, um die Schrumpfung aufzuhalten; die halte ich nicht auf, indem ich nur eine Kita saniere, sondern indem ich Entwicklungspotenziale nutze.“(Marco Beckendorf) Dieses Vorgehen bedeutete ein kalkulierbares Risiko – und es eröffnete Spielräume. Während die jährlichen investiven Schlüsselzuweisungen vom Land Brandenburg bei etwa 150.000 bis 200.000 Euro liegen, entspricht die Kreditaufnahme einem Vielfachen davon. In gewisser Weise hat die Gemeinde ihre Investitionskraft kurzfristig verstärkt, um sich langfristig zu entwickeln. „Innenentwicklung ist teurer – aber sie zahlt auf die Ortsqualität ein.“(Marco Beckendorf) Der Kern der Strategie lautet Innenentwicklung vor Außenentwicklung. Wiesenburg/Mark setzt auf das Revitalisieren brachliegender Gewerbeflächen innerhalb des Orts, auf Altlastenbeseitigung, Umnutzung und Nachverdichtung. Flächen wie das ehemalige Kreismaschinenwerk oder das Ko-Dorf-Areal werden zu neuen Wohnbaugebieten entwickelt, statt auf der grünen Wiese neue Siedlungsflächen auszuweisen. Außenentwicklung findet lediglich dort statt, wo sie den Ortsrand sinnvoll abrundet – etwa bei großen Baulücken, die formal als Außenbereich gelten. Dieser Weg ist teurer, langsamer und komplizierter, erfordert Gutachten, Beräumung, Fördermittelanträge und Verwaltungskapazitäten. Doch er stärkt die Ortsmitte, nutzt bestehende Infrastrukturen besser aus und verhindert zusätzliche Flächenversiegelung. „Die Bürger können heute ihre Sanierung über eine Hypothek hinterlegen – das war früher schlicht nicht drin.“(Marco Beckendorf) Ein entscheidender Baustein ist die aktive kommunale Bodenpolitik. Die Gemeinde hat Grundstücke aufgekauft, entwickelt und gezielt verkauft. Dabei wurde bewusst auf Konzeptvergaben gesetzt – nicht der Höchstpreis entscheidet, sondern die Qualität des Vorhabens. Parallel dazu setzte die Gemeinde Instrumente wie das Vorkaufsrecht und – wenn nötig – Zwangsversteigerungen ein, um Schlüsselgrundstücke zu erwerben. Die Bodenwerte im Ortskern stiegen dadurch schrittweise von rund 20 Euro pro Quadratmeter auf 80 Euro pro Quadratmeter. Dieser Anstieg ist kein Selbstzweck, sondern eine wichtige finanzielle Hebelwirkung: Bürgerinnen und Bürger erhalten nun realistische Beleihungswerte bei Banken und können Kredite aufnehmen, um Häuser zu sanieren oder zu modernisieren. Vor Ort wird nicht zwangsläufig auf die Ansiedlung großer Betriebe gesetzt, sondern auf kleinteilige, lokal verankerte Wirtschaft. Die Gemeinde kauft beispielsweise Hallen und Gewerbeflächen, um diese günstig an Gründer*innen vermieten zu können. Ein konkretes Beispiel: Ein Strohhausbauer begann als Einzelunternehmer und beschäftigt mittlerweile einen Gesellen und zwei Auszubildende. Ähnliche Entwicklungen gibt es bei lokalen Handwerksbetrieben und erneuerbaren Energien. Die vorhandenen Biogasanlagen schaffen Beschäftigung und tragen zur regionalen Wertschöpfung bei. Damit verfolgt die Gemeinde den langfristigen Ansatz, lokale Betriebe aufzubauen, die nicht nach wenigen Jahren wieder verschwinden, sondern ein wichtiger Teil der lokalen Entwicklung werden. Ein Ort, viele Chancen: Wiesenburg gestaltet seine Zukunft durch gezielte Umnutzungen Marco Beckendorf kann bereits auf einige Projektumsetzungen und -entwicklungen zurückblicken. Aber auch zukünftig liegt noch viel Arbeit in der Gemeinde an. Im Interview betonte der Bürgermeister die konsequente und zügige Umsetzung von Maßnahmen, um etwas Greifbares und Vorzeigbares zu haben. Dies sei wichtig, um der Bevölkerung zu zeigen, dass etwas passiert, dass die Kommune konkret handelt und nicht nur Versprechungen macht. Das wiederum schafft möglichst großes Vertrauen und sorgt dafür, dass weitere Projekte entstehen können. Erwähnenswert sind insbesondere die Rote Villa, die Kunsthalle und das Gelände der ehemaligen Brennerei. Die Kunsthalle und die alte Brennerei liegen in unmittelbarer Nähe zum Schloss und zum Rathaus, in dem die Gemeindeverwaltung sitzt. Bei der Brennerei handelt es sich um einen Gebäudekomplex aus dem Jahr 1853 mit einem Anbau aus der Nachwendezeit. Dort sind ein Supermarkt, eine Bankfiliale und Ärzte Mieter. Die Gemeinde nutzte ihr kommunales Vorkaufsrecht, um das Gebäude und das Areal mit Hilfe einer Kreditfinanzierung zu erwerben. Damit möchte sie die zentrumsnahe Versorgung dauerhaft sicherstellen und den Druck aus der gewerblichen Mietpreisentwicklung nehmen. Blick auf das Gelände der ehemaligen Brennerei vom Schloss Wiesenburg Zu der Brennerei gehörte auch ein Pferdestall für die Kutschpferde. Dieser wurde zunächst zu einer Sporthalle umgebaut und später als örtliche Kunsthalle
Ein Schreibtisch für die Region – wie Prüm mit einem Coworking-Space im ländlichen Raum neue Wege geht
Ein Schreibtisch für die Region Wie Prüm mit einem Coworking-Space im ländlichen Raum neue Wege geht Wer das frühere Verwaltungsgebäude des alten Kreiswasserwerks in Prüm betritt, spürt noch den „Charme“ vergangener Behördenzeiten: graue Flure, schwere Türen, ein Hauch von Aktenstaub in der Luft. Doch hinter der Tür im zweiten Obergeschoss öffnet sich ein ganz anderer Raum. Helle Schreibtische, Pflanzen, gedämpfte Gespräche, leises Tastaturklappern. Hier, wo jahrelang niemand arbeitete, hat die Zukunft Einzug gehalten. Der „Schreibtisch in Prüm“ wirkt auf den ersten Blick unspektakulär. Acht Arbeitsplätze, ein Besprechungsraum, eine Kaffeeküche, solide technische Ausstattung. Kein Startup-Hochglanz, keine hippe Inszenierung. Und doch erzählt dieser Ort davon, wie eine ländliche Region Zukunft gestaltet – pragmatisch, mutig und mit einem tiefen Verständnis für das, was Menschen brauchen, um gut leben und arbeiten zu können. Dass der Coworking-Space hier entstanden ist, war weder Zufall noch das Ergebnis eines strategischen Fahrplans. Es begann – wie so vieles in ländlichen Räumen – mit einem guten Gespräch. Die Idee entsteht – ein urbanes Konzept trifft auf ländliche Realität Als die Entwicklungsagentur Rheinland-Pfalz 2015 mit ihrem Projekt „Digitale Dörfer“ erstmals begann, sich mit ländlichen Coworking-Modellen zu befassen, war die Grundfrage klar: Wie lässt sich der Alltag der Menschen in ländlichen Räumen durch digitale Arbeitsformen verbessern? In vielen Gemeinden in Rheinland-Pfalz waren die Arbeitsplätze weit entfernt mit entsprechend langen Pendelwegen. Gleichzeitig wuchsen die Leerstände aufgrund von demographischen und/oder wirtschaftsstrukturellen Verwerfungen. Die Idee in Richtung Coworking reifte schließlich auch durch inspirierende Beispiele aus anderen Ländern: Kleine Arbeitsräume in irischen Dörfern, multifunktionale Arbeitsplätze in Frankreich oder in Skandinavien zeigten, dass Coworking nicht nur ein urbanes, sondern auch ein ländliches Instrument sein kann. Im Jahr 2016 kam diese Erkenntnis endgültig in Prüm an und das Projekt nahm Fahrt auf. Bei einem Vorgespräch mit Bürgermeister Aloysius Söhngen zeigte sich schnell, dass die Verbandsgemeinde ein idealer Standort für ein solches Modellprojekt war. Prüm war geprägt von vielen Auspendelnden, die weite Strecken zurücklegen mussten – nach Luxemburg, nach Köln, nach Bonn. Ein lokaler Arbeitsplatz – flexibel nutzbar, technisch gut ausgestattet und klar von der eigenen Wohnsituation getrennt – schien hier enormes Potenzial zu bieten. Gleichzeitig stand das ehemalige Wasserwerksgebäude leer: zentral gelegen, gut erreichbar, mit ausreichend Parkmöglichkeiten. Ein Ort, der darauf wartete, wieder gefüllt zu werden. „Die Idee entstand, weil klar war: Viele Menschen pendeln täglich weit. Und Prüm kann mehr sein als Ausgangspunkt für lange Arbeitswege.“(Julia Schmitz) Dass das Modellvorhaben überhaupt nach Prüm kam, lag schließlich an einem Förderaufruf der Entwicklungsagentur Rheinland-Pfalz. Die Verbandsgemeinde bewarb sich nicht aktiv, sondern wurde direkt in Gespräche eingebunden. Das Projekt wurde zunächst der Kreisverwaltung vorgestellt, anschließend dem Kreisausschuss, der über die Bereitstellung der Räume entscheiden musste. Von Beginn an war klar: Die Entwicklungsagentur würde in der Modellphase die Trägerschaft übernehmen – inklusive Betriebskosten, Öffentlichkeitsarbeit und Verwaltungsaufwand. Die Verbandsgemeinde stellte Ansprechpartner*innen vor Ort und begleitete den organisatorischen Rahmen, ohne eigene Kosten tragen zu müssen. Vom Leerstand zum Arbeitsraum – wie aus einer Idee ein Ort wird Nach den ersten Gesprächen im Frühjahr 2016 ging es vergleichsweise schnell. Vertreter*innen von Verbandsgemeinde, Kreisverwaltung und Entwicklungsagentur legten gemeinsam fest, wie die Räume genutzt und ausgestattet werden sollten. Anfang 2017 begann die Einrichtung: Böden wurden erneuert, Möbel aufgebaut, die technische Infrastruktur verlegt. Die Räume waren in gutem Zustand, sodass der Umbau zügig voranging. Parallel startete die Öffentlichkeitsarbeit. Der „Schreibtisch in Prüm“ wurde in der Prümer Rundschau, im Trierischen Volksfreund und auf den digitalen Kanälen der Verbandsgemeinde angekündigt. Auf der Grenzlandschau und beim „Prümer Sommer“ informierte die Entwicklungsagentur an Infoständen über die neuen Arbeitsmöglichkeiten. Der Coworking-Space war von Beginn an sichtbar – und er wurde verstanden als etwas, das den Alltag der Menschen in Prüm tatsächlich erleichtern konnte. „Der Startschuss fiel sehr früh – und sehr entschlossen. Es war klar: Das ist eine Chance, die wir nutzen müssen.“(Marcel Palms) Nur wenige Wochen nach dem ersten Austausch wurde das Projekt dem Kreisausschuss vorgelegt. Der Kreis stellte die Räume mietfrei zur Verfügung, die Entwicklungsagentur übernahm als Trägerin die gesamte Verantwortung für Kosten, Betrieb und Nutzerverwaltung. Die Verbandsgemeinde stellte lokale Ansprechpartner*innen. Was andernorts jahrelang dauert, geschah hier in wenigen Monaten. Im Juli 2017 wurde der Coworking-Space eröffnet. Vier Büros mit jeweils zwei Arbeitsplätzen, ein Besprechungsraum, eine kleine Kaffeeküche – funktional, freundlich, solide. Der Anfang: Aufbau eines Nutzerkreises und die Frage der Akzeptanz Wie bei vielen neuen Konzepten in ländlichen Räumen ging es in den ersten Monaten vor allem darum, Vertrauen aufzubauen. Wer sollte überhaupt kommen? Welche Berufe würden das Angebot nutzen? Und wie viel Nachfrage würde sich tatsächlich entwickeln? Doch die ersten Buchungen ließen nicht lange auf sich warten. Bereits nach wenigen Wochen waren die ersten Schreibtische vergeben und bis 2019 wuchs die Zahl der regelmäßigen Nutzer*innen auf vier – eine stabile Auslastung von 50 Prozent in einem jungen Projekt, das erst dabei war, sich im Alltag der Region zu verankern. Die Nutzer*innen kamen zumeist aus Berufen, in denen digitale Arbeit flexibel möglich ist: IT, Projektmanagement, Coaching, Grafikdesign, Außendienst, Start-ups oder Beratung. Einige arbeiteten für Arbeitgeber in Ballungsräumen, andere waren selbstständig. Gemein war ihnen das Bedürfnis nach einer professionellen Arbeitsumgebung, die zugleich wohnortnah gelegen ist. Die Pandemie – und ein Raum, der plötzlich unverzichtbar wurde Als im Frühjahr 2020 die Corona-Pandemie ausbrach und viele Arbeitnehmer*innen ins Home Office zwang, wurde Coworking in Prüm plötzlich zu einer echten Alternative. Lange Pendelstrecken nach Luxemburg, Belgien oder Köln ließen sich durch ein oder zwei Tage Arbeit im Coworking-Space ersetzen. Besonders Menschen, die zu Hause kein Arbeitszimmer hatten bzw. nicht in Ruhe arbeiten konnten, fanden hier einen verlässlichen, professionellen Arbeitsort. „Viele wollten einfach einen klaren Ort zum Arbeiten. Nicht Küche, nicht Esstisch, nicht Kinderzimmer.“(Julia Schmitz) Während der Pandemie war der „Schreibtisch in Prüm“ fast durchgehend ausgelastet. Doch auch nach dem Ende der Kontaktbeschränkungen blieb die Nachfrage überraschend hoch. Viele Nutzer*innen merkten, dass die direkte Trennung von Arbeits- und Privatleben – ein professionelles Büro ohne häusliche Ablenkungen – einen Mehrwert schuf, den das Home Office allein nicht bieten konnte. Heute sind sechs der acht Arbeitsplätze dauerhaft belegt. Die durchschnittliche Nutzungsdauer liegt bei etwa einem Jahr. Ein Coworker jedoch hat den Raum seit sieben
Ein historisches Pfarrhaus als Anker der medizinischen Versorgung – Mehren/Vulkaneifel als gelungenes Beispiel für die kooperative Sicherung daseinsvorsorgender Infrastruktur
Ein historisches Pfarrhaus als Anker der medizinischen Versorgung Mehren/Vulkaneifel als gelungenes Beispiel für die kooperative Sicherung daseinsvorsorgender Infrastruktur Als der letzte Pfarrer Ende 2019 das barocke Pfarrhaus im rheinland-pfälzischen Mehren/Vulkaneifel verließ, stand das Gebäude plötzlich leer – und mit ihm eine über Jahrhunderte gewachsene Verbindung zwischen dem Dorf, den dort lebenden Menschen und der Kirche. Leerstand wäre die einfachste Lösung gewesen. Doch Mehren entschied anders: Statt aufzugeben, begann die Kath. Kirchengemeinde, Zukunft zu bauen. Zur selben Zeit nämlich suchte die Allgemeinmedizinerin Christel Werner neue Räumlichkeiten. Ihre bisherige Praxis im Dorf war mittlerweile zu klein geworden, die Mietverträge liefen aus und die Zeit drängte. So kreuzten sich die Wege und es entstand ein Projekt, das bis heute beispielhaft für die Sicherung der medizinischen Versorgung in ländlichen Räumen steht. „Wir wollten nicht nur ein Gebäude retten, sondern Versorgung sichern. Und das mitten im Dorf, nicht am Rand.“(Roland Thelen) Hausärztin Christel Werner mit Architekt und Verwaltungsratsmitglied Roland Thelen Die Vorderansicht des alten Pfarrhauses von der Hauptstraße aus Christel Werner kennt Mehren seit Jahren, sie arbeitete hier bereits seit dem Jahr 2010 und übernahm sechs Jahre später die Praxis ihres Vorgängers. Weggehen war keine Option, im Gegenteil: „Ich war hier angekommen“, sagt sie. Ihre Entscheidung, weiterhin vor Ort zu bleiben, war Ausgangspunkt für ein Vorhaben, das schließlich kirchliche Trägerschaft und kommunale Verantwortung auf innovative Weise verbindet. Das Ergebnis: ein denkmalgeschütztes Pfarrhaus, das heute eine Arztpraxis beherbergt – mit Charakter und Strahlkraft. „Ich habe immer gedacht: Wenn ich das hier mache, dann richtig. Und wenn das Projekt gelingt, ist es ein Gewinn für alle.“(Christel Werner) In den Räumlichkeiten des alten Pfarrhauses ist neben modernen Behandlungsräumen der Charme des Gebäudes bei der Umnutzung erhalten geblieben Durch Engagement, Kooperation und gezielter Förderung zum Erfolg – ein gelungenes Zusammenspiel von Kirche, Kommune, einer engagierten Hausärztin und Drittmittelgebern Was heute selbstverständlich wirkt, war zunächst eine ungewöhnliche Idee. Die Kirchengemeinde hätte auch anders entscheiden können. Doch da war jemand, der eine Vision hatte und zugleich wusste, wie man sie umsetzt: Roland Thelen, Verwaltungsratsmitglied und Architekt, der seit Jahrzehnten kirchliche Bauprojekte begleitet. Zunächst hatte die Ortsgemeinde verschiedene Gebäude anhand des vorliegenden Dorfentwicklungskonzeptes geprüft– aber ohne Ergebnis. Erst ein Gespräch im richtigen Moment brachte die Lösung: das Pfarrhaus. Es handelt sich um einen Ort mit Geschichte, mitten im Dorfkern, gut erreichbar, mit genügend Potenzial für einen zeitgemäßen Praxisbetrieb. „Das Entscheidende war, dass wir nicht lange diskutiert, sondern sofort gehandelt haben. Der Leerstand war Chance, nicht Risiko.“ (Roland Thelen) Doch kirchliche Mittel waren ausgeschlossen, da es sich nun um eine wirtschaftliche Nutzung handelte. Thelen plante, rechnete – und identifizierte das LEADER-Programm als entscheidenden Hebel. Mit 175.000 Euro EU-Förderung und einem klaren Finanzierungskonzept konnte das Pfarrhaus mit veranschlagten Gesamtbaukosten von 375.000 € umgebaut werden. Die Kirchengemeinde als Eigentümerin und Bauherrin schloss nun mit der Verbandsgemeinde Daun als Hauptmieterin den langfristigen Mietvertrag – eine Voraussetzung für Kreditsicherheit und Zuschuss. „Die Verbandsgemeinde hat verstanden: Ohne ärztliche Versorgung verliert ein Ort seine Mitte. Und sie hat Verantwortung übernommen.“ (Roland Thelen) Christel Werner mietete mit ihrer Arztpraxis wiederum unter – flexibel, aber verbindlich genug, um langfristig planen zu können. So entstand eine partnerschaftliche Dreierkonstruktion, die Kosten, Risiko und Verantwortung klug verteilt. „Dass die Verbandsgemeinde hinter uns steht, gibt Sicherheit. Es ist ein Modell, das Schule machen kann.“ (Christel Werner) Die neue Nutzung des alten Pfarrhauses in unmittelbarer Nachbarschaft zur Kirche bringt nicht nur Leben zurück in das Gebäude, sondern auch in den Ortskern Herausforderungen und Hindernisse für die medizinische Versorgung – die Realität ländlicher Daseinsvorsorge in Deutschland Der Umbau selbst stellte weniger ein Problem dar. Es war ein ortsangepasster, respektvoller Eingriff. Tragende historische Elemente wie die Kölner Decken blieben erhalten; ein moderner Kubus als Anbau an der Gebäuderückseite ergänzt das Ensemble. Die Praxis funktioniert barrierefrei, kompakt, effizient, patientennah. Eine Belastung war hingegen der bürokratische Aufwand: Denkmalschutzauflagen, Ausschreibungen, Förderrichtlinien, Abrechnungsprüfungen. Insbesondere die förderrechtliche Feinarbeit bis zur letzten Rechnung wirkte hinderlich. Kleine Abweichungen führten zu Rückforderungen, denn die Sanierung und der Umbau von Alt- oder Bestandsbauten lassen sich nicht immer vollständig vorhersehen. „Bei historischen Gebäuden sieht man manche Dinge erst, wenn man die Wände öffnet. Trotzdem mussten alle Arbeitsschritte haargenau nachgewiesen werden.“(Roland Thelen) Während Umbau und Finanzierung grundsätzlich planbar waren, blieb die Versorgungslage die eigentliche Herausforderung. Landarztpraxen sind heute Knotenpunkte in einem System, das vielerorts überlastet ist: Fachärzte fehlen, Krankenhausstandorte schließen, Telemedizin ergänzt, ersetzt aber nicht und Papierarbeit nimmt Überhand. Christel Werner beschreibt es ruhig, aber klar: Das Problem ist strukturell, nicht individuell. „Die fachärztliche Versorgung ist eine Katastrophe. Wir improvisieren täglich – aber die Menschen brauchen echte Zugänge, nicht nur Geduld.“(Christel Werner) Auch Nachwuchsgewinnung ist schwierig: Viele junge Ärzt*innen möchten angestellt arbeiten, nicht allein Verantwortung tragen. Es zieht sie oftmals in größere Kliniken – und damit in die urbanen Räume. Dennoch hat Mehren Antworten gefunden: Ausbildung, Teamaufbau, Delegation durch qualifizierte Medizinische Fachangestellte (MFAs), familiäre Patientenbindung, ergänzende Telemedizin. „Bürokratie ist heute oft der größte Feind der Medizin. Und trotzdem mache ich es einfach – jeden Tag aufs Neue.“(Christel Werner) Vom Leerstand zur daseinsvorsorgenden Infrastruktur – ein Modell für Orte mit Mut und Weitsicht Mehren hat mit dem Pfarrhausprojekt nicht nur eine neue Arztpraxis geschaffen. Der Ort hat gezeigt, wie Versorgung in ländlichen Räumen gelingen kann: durch frühzeitiges Handeln, ein starkes Verantwortungsbewusstsein und die Bereitschaft, ungewohnte Partnerschaften einzugehen. Die Praxis ist heute medizinischer Anlaufpunkt, sozialer Treffpunkt – und ein Symbol dafür, dass Dörfer Zukunft bauen können, wenn sie freie Räume intelligent nutzen. „Gesundheit gehört in die Mitte des Dorfes. Und Orte, die das begreifen, gewinnen Zukunft.“(Roland Thelen) Christel Werner wird – wie sie selbst sagt: „so Gott will“ – bis zum Jahr 2030 praktizieren. Schon jetzt sorgt das Team dafür, dass Kontinuität gesichert bleibt, dass nächste Generationen eingebunden werden und dass einerseits die Versorgung am Wohnort entscheidend ist, die richtige Haltung jedoch noch viel entscheidender ist. „Ich habe immer gesagt: Wenn ich hier bin, dann bleibe ich auch für die Menschen. Und das mache ich so lange, wie ich kann.“(Christel Werner) Das Pfarrhaus in Mehren zeigt: Es braucht kein spektakuläres Konzept, um Wirkung zu entfalten. Es braucht Klarheit, Kooperation,
Mit Citymanagement dem Leerstand in der Innenstadt erfolgreich entgegentreten. Erfahrungen aus der mittelfränkischen Kleinstadt Heilsbronn
Mit Citymanagement dem Leerstand in der Innenstadt erfolgreich entgegentreten Erfahrungen aus der mittelfränkischen Kleinstadt Heilsbronn Heilsbronn zählt mit seinen rund 9.700 Einwohner*innen, die überwiegend im Stadtgebiet, aber auch in den 17 angebundenen Dörfern und Weilern leben, zu den vier größten Gemeinden im Landkreis Ansbach. Die Stadt blickt auf eine lange Geschichte zurück. Seit dem frühen 12. Jahrhundert war es ein bedeutendes Zisterzienserkloster, welches maßgeblich zur Entwicklung der Stadt beitrug. Heute stellt Heilsbronn eines der wichtigsten Grundzentren im Landkreis dar. Im Gespräch mit dem 1. Bürgermeister der Stadt Dr. Jürgen Pfeiffer und dem Leiter des Fachbereiches Bürgerservice, Planen und Bauen Tobias Christ haben wir uns über die kommunale Innenentwicklung und die Bedeutung von Leerständen in Heilsbronn unterhalten. Der promovierte Betriebswirtschaftler Dr. Jürgen Pfeiffer ist seit 2008 im Amt des Bürgermeisters der Stadt. Tobias Christ ist Diplom-Verwaltungswirt und seit zehn Jahren als Fachbereichsleiter in Heilbronn tätig und seitdem für die Stadtentwicklung mitverantwortlich. Beide lieferten uns Einblicke in die Ausgangslage der Stadt Heilsbronn, die aktuelle Situation hinsichtlich des Leerstands sowie den konkreten Ansatz der Innenentwicklung, den die Kommune verfolgt. 1. Bürgermeister Dr. Jürgen Pfeiffer und Fachbereichsleiter Bürgerservice, Planen und Bauen Tobias Christ im Rathaus Heilsbronn Zwischen Münster und Marktplatz: Historisches Erbe und lebendige Innenstadt – wie Heilsbronn sein Stadtbild pflegt Aufgrund seiner weitreichenden Geschichte findet sich in Heilsbronn eine Vielzahl historischer Gebäude. Hierzu zählt insbesondere das imposante Münster als stadtbildprägendstes Bauwerk. Aber auch die Spitalkapelle, die alte Klosterbrauerei, der Katharinenturm, in dem sich heute die städtische Bücherei und das Heimatmuseum befinden, oder die historischen Fachwerkgebäude am Marktplatz prägen das Ortsbild. Alte und historische Bausubstanz bringt stets eine gewisse Verantwortung für die Pflege und den Erhalt eben dieser mit sich. Die Stadt hat dies erkannt und geht sehr vorausschauend vor, so dass es in Heilsbronn derzeit nur wenig Leerstand gibt. „Tatsächlich ist es so, dass wir die vier, manchmal auch fünf,Leerstände in der Innenstadt kennen. Die sind jetzt nicht extra verzeichnet. Wir können die aus dem Stehgreif nennen, aber wir führen keinamtliches Kataster in dem Sinne, wie es auch gefördert wird.“ (Tobias Christ) Tobias Christ hat seine Leerstände – sowohl bestehende als auch drohende – im Blick und setzt insbesondere auf Prävention und Vermeidung. Vor allem die kleinen Geschäfte, also die Gewerbetreibenden im Ort, rücken in den Fokus, denn: Bestehende Geschäfte im Ort halten den Kern am Leben und tragen zur Lebensqualität in der Stadt bei. Aus diesem Grund setzt die Stadt Heilsbronn bereits seit 2009 auf eine aktive Stadtentwicklung und ein Citymanagement. Diese Aufgabe übernimmt Citymanager Michael Aulbach von PLANWERK Stadtentwicklung, der sich aktiv für die Stärkung der Innenstadt einsetzt. In diesem Prozess erhält er Unterstützung durch die Lenkungsgruppe Heilsbronn und die verschiedenen Projektgruppen der Stadt, die sich mit der Entwicklung der Innenstadt, dem Einzelhandel und dem Thema Nachhaltigkeit befassen. Der wachsende Druck durch Discounter oder Online-Handel auf den stationären Einzelhandel ist jedoch auch hier spürbar und wird stetig größer. „Citymanagement ist aus meiner Sicht gut dafür, Rahmenbedingungen zu schaffen. Bei uns liegt dieser [Fokus] auf dem Einzelhandel in der Innenstadt.Es wird aber schwierig, wenn es konkreter wird und wir können nur bedingt weiterhelfen. Wenn im Rahmen der Landesplanung und gemessen an der Kaufkraft entschieden wird, dass Heilsbronn einen weiteren Discounter braucht, dann müssen wir das bis zu einer gewissen Größe genehmigen.“(Dr. Jürgen Pfeiffer) Im Gespräch wird schnell klar, dass der Erhalt und die Entwicklung der Stadt nur funktioniert, weil man in Heilsbronn verstanden hat, mit Förderungen zu arbeiten. Insbesondere die Städtebauförderung als dauerhaftes Programm ist von besonderer Relevanz für die Kleinstadt. Aus Sicht der Verwaltung ist dies das Programm mit den geringsten bürokratischen Hürden und dem überschaubarsten Aufwand – vor allem auch gemessen an den Fördersummen. „Die Stadt gewährt eigene Fördermittel, die allerdings wiederum zu 60 Prozent durch Städtebaufördermittel bezuschusst sind. Unsere Fördermaßnahme richtet sich an Eigentümer innerhalb der Fördergebiete, insbesondere des Innenstadtbereichs, zum Beispiel für Fassadenmaßnahmen. Es gibt auch eine Richtlinie der Stadt, in der die förderfähigen Maßnahmen und Bedingungen (…) enthalten sind. Wir haben das aber auch gedeckelt auf eine Bezuschussung von 30.000 Euro je Maßnahme. Wogegen wir uns aber auch entschieden haben, ist die Umwandlung von Leerstand in Wohnraum, weil wir insbesondere in der Innenstadt kein reines Wohnviertel möchten.“ (Tobias Christ) Den besonderen Stellenwert der Innenentwicklung stellen zwei weitere Aspekte dar. Zum Ersten – und zusätzlich zur Prämisse der Bayerischen Flächensparoffensive – hat der Stadtrat der Stadt Heilsbronn per Beschluss den Grundsatz „Innen- vor Außenentwicklung“ in das städtische Entwicklungskonzept aufgenommen. Und zweitens hat die Stadt ein eigenes Förderprogramm aufgestellt, um den Erhalt und die Belebung des Ortskerns weiter voranzutreiben. Aus leer wird lebendig: Mit Ideen, Kooperationen und Mut gegen den Leerstand Im Ortskern gibt es einige gute Beispiele für den Umgang mit drohendem oder tatsächlichem Leerstand. So sind beispielsweise Objekte entwickelt worden, die bereits seit längerer Zeit leer standen; aber es gab auch Projekte, die in Gebäuden realisiert wurden, denen der Leerstand lediglich drohte. Dies entspricht der präventiven Herangehensweise der Stadt, die aber auch nur dann funktionieren kann, wenn ein drohender Leerstand der Kommune bekannt wird. Dafür ist das überschaubare Setting einer Kleinstadt vorteilhaft, was in diesem Kontext einen relevanten Standortvorteil darstellt. Bei den folgenden Beispielen handelt es sich um Projekte, die sowohl von der Kommune als auch von Institutionen sowie von privaten Investor*innen oder Vereinen getragen worden sind. Oftmals ergaben sich jedoch auch kooperative Vorhaben, an deren Umsetzung mehrere Akteur*innen beteiligt waren. Der Katharinenturm: Vom Wohnturm des Türmers zur Bibliothek und zum Museum Gegen Ende des 18. Jahrhunderts erbaut, ist der Turm das Überbleibsel der ehemaligen Katharinenkirche. Der Turm wurde bereits damals zu einem Wohnturm umfunktioniert und unter anderem vom Türmer bewohnt. Hierbei handelt es sich um den historischen Beruf des Turmwächters, der insbesondere mit dem Brandschutz einer Stadt beauftragt war und im Fall eines Brandes Alarm schlug. Diese Nutzung als Wohnraum reichte bis in das Jahr 1980. Anschließend wurde der Turm mit Mitteln aus der Städtebauförderung und der Denkmalpflege hergerichtet, so dass die Stadtbücherei in das historische Bauwerk einziehen konnte. Im Jahr 1995 eröffnete in der ehemaligen Wohnung des Türmers zusätzlich das Heimatmuseum, die „Heimatstuben“ des Heimatvereins
Wie der Gemeindebürgermeister mit und für Langenfeld eine bürgerschaftliche Entwicklungsphilosophie verfolgt
Wie der Gemeindebürgermeister mit und für Langenfeld eine bürgerschaftliche Entwicklungsphilosophie verfolgt Langenfeld ist eine Gemeinde am südlichen Steigerwald in der Region Mittelfranken mit 1.056 Einwohner*innen. Die ländliche Kommune ist stark von Veränderungen der Demografie und dem Strukturwandel in der Landwirtschaft betroffen. Auch hinsichtlich der Daseinsvorsorge haben sich Einbußen ergeben, so dass sich die Verantwortlichen der Gemeinde entschieden haben zu handeln. Der 1. Bürgermeister der Gemeinde Langenfeld Reinhard Streng berichtete in einem sehr anregenden Gespräch, wie die Gemeinde selbst die Zügel in die Hand nimmt, um sich den Herausforderungen zu stellen. „Wir müssen uns um mehr Dinge wieder selber kümmern. Die Strukturen, wie wir sie heute kennen, werden zu einem erheblichen Teil nicht mehr ewig zur Verfügung stehen, gerade in ländlichen Regionen.“(Reinhard Streng) Reinhard Streng lebt bereits seit seinem 5. Lebensjahr in der unmittelbaren Nähe von Langenfeld. Er ist ausgebildeter Steuer- und Wirtschaftsfachangestellter. Nach der Ausbildung schloss er ein Studium der Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Wirtschaftspädagogik ab. Er war an verschiedenen Wirtschafts- und Berufsschulen tätig, teilweise in leitenden Funktionen. 1994 zog er mit seiner Familie nach Langenfeld, wo er sich seit 1996 politisch engagiert – zunächst als Mitglied des Gemeinderats und in der Funktion als 3. Bürgermeister. Seit 2002 ist er 1. Bürgermeister der Gemeinde und seit 2008 darüber hinaus im Kreistag aktiv, wo er zusätzlich die Position des gewählten stellvertretenden Landrats innehat. Der 1. Bürgermeister der Gemeinde Langenfeld Reinhard Streng In solch einer langen Zeit als Gemeindebürgermeister erlebt man viele Entwicklungen mit und gestaltet die Zukunft des Ortes maßgeblich. Dies wird bei Betrachtung der umgesetzten Projekte klar, wo es neben Innenentwicklung und dem Umgang mit Leerständen immer auch um das Gemeinwohl und die Zukunftsfähigkeit der Gemeinde geht. Zukunft selbst gestalten – mit Bürgersinn, Fördermitteln und kreativer Innenentwicklung zu einer lebendigen Daseinsvorsorge Die Gemeinde hat seit 2007 mehr als zehn Projekte in Zusammenhang mit leerstehenden Gebäuden umgesetzt. Hierdurch hat sich die Situation mit Blick auf die Daseinsvorsorge bereits deutlich verbessert. Zum Spektrum der Entwicklungen gehören die medizinische Versorgung in Form einer Hausarzt- und einer Physiotherapiepraxis sowie die pflegerische Versorgung durch den Bau einer ambulant betreuten Wohngemeinschaft und einer Tagespflegeeinrichtung. Defizite in der Nahversorgung können über den gemeindeeigenen und bürgerschaftlich organisierten Dorfladen abgedeckt werden. Zudem steht die Schaffung von altersgerechtem und barrierefreiem Wohnraum im Fokus der Kommune. Dennoch gibt es in der Gemeinde Langenfeld noch leerstehende Immobilien. Vordergründig handelt es sich um privaten Leerstand, der aufgrund fehlenden Zugriffs nur schwer entwickelt werden kann. Auch drohender Leerstand ist ein Thema für die Gemeinde, wobei hier insbesondere „spezielle Konversionsflächen“ gemeint sind. Reinhard Streng bezeichnet sie als „Konversionsflächen der Dörfer“ und bezieht sich dabei auf nahezu alle landwirtschaftlichen Nutzgebäude. Die alten Gebäude sind in der Regel für eine moderne, zeitgemäße Landwirtschaft nicht mehr (lange) nutzbar und stellen ein enormes Entwicklungspotenzial dar. Allerdings muss Leerstand aus der Sicht des 1. Bürgermeisters in eine zeitgemäße Form konvertierbar sein. Sollte ein Gebäude nicht sanierbar sein, ist die Option eines Abrisses und anschließendem Neubau durchaus in Betracht zu ziehen. Einen häufigen Grund stellen die hohen baurechtlichen Standards dar. „Wenn wir heute was machen, dann lade ich zu einer Bürgerversammlung ein. Ich mache schon seit Jahren keine „normalen“ Bürgerversammlungen mehr. Wenn ich einlade, dann immer zu einem bestimmten Thema. Als die alte Molkerei leer geworden ist, da haben wir zum Beispiel mit über 20 Leuten diskutiert, was daraus werden könnte.“(Reinhard Streng) Die Gemeinde verfolgt in ihrem Vorgehen einen Dreiklang: Ein Projekt wird in Betrieb genommen, ein weiteres parallel in Umsetzung gebracht und ein drittes konzipiert bzw. geplant. Reinhard Streng betont, dass es ihm wichtig sei, die Bevölkerung in Planungsprozesse mit einzubeziehen, da es sich bei den Projekten der Gemeinde in der Regel um gemeinwohlorientierte Vorhaben handelt. Aus diesem Grund veranstaltet die Gemeinde Langenfeld regelmäßig Bürgerversammlungen und -seminare. Diese weisen thematische Schwerpunkte auf und haben sich insbesondere nach Inbetriebnahme der „Dorflinde“ als Mehrgenerationenhaus etabliert. Für die Umsetzung mancher Projekte kann es zudem ratsam sein, eine Privatperson als Eigentümer*in oder Mehrheitseigner*in einzusetzen. Hierdurch erhöht sich oftmals der Handlungsspielraum, was zu mehr Flexibilität und letztlich zu einer gelungenen Projektentwicklung führen kann. „Ein Punkt, der wirklich wichtig ist und was an dem BundesprogrammMehrgenerationenhaus, neben all der Bürokratie, das Wesentliche ist:Es ist eines der am meisten oder am besten auf die ländlichen Regionenzugeschnittenen Programme, weil es ein Gemischtwarenladen ist und keine nennenswerte Spezialisierung braucht. Spezialisierte Programme sind für die kleinen Kommunen, so wie wir es sind, meist gar nicht nutzbar“(Reinhard Streng) Das zentrale Pilotprojekt – zugleich Anstoß für eine ganze Reihe weiterer Projekte der Innenentwicklung – war das Mehrgenerationenhaus „Dorflinde“ im Zentrum von Langenfeld. Das Mehrgenerationenhaus „Dorflinde“ im Zentrum des Ortes Als generationenübergreifendes Wohnprojekt geplant, sollte bei der „Dorflinde“ die Gemeinschaft im Fokus stehen, und zwar über eine „normale“ Wohngemeinschaft oder Nachbarschaft hinausgehend. Das Aktionsprogramm Mehrgenerationenhäuser des Bundes sieht Wohnkonzepte jedoch nicht vor und da sie keines der Ziele – hierzu zählt insbesondere die Stärkung des generationenübergreifenden gesellschaftlichen Miteinanders – darstellt, wären das Projekt, wie es anfangs geplant wurde, im Rahmen des Aktionsprogramms nicht förderfähig gewesen. Der Sanierungs- und Baustart für die „Dorflinde“ war im Jahr 2007. Das Konzept des Vorhabens wurde im Austausch mit und Beteiligung der Bürger*innen erstellt, um dem Bedarf und Bedürfnissen der „zukünftigen Nutzer*innen“ gerecht zu werden. Sanierungs- und Baustart für die „Dorflinde“ war im Jahr 2007. Auf dem Baugelände befanden sich zu diesem Zeitpunkt eine alte Fachwerkscheune und ein angrenzendes Wohngebäude. Das Wohngebäude wurde jedoch abgerissen und durch den heutigen Glasanbau ersetzt. Zeitgleich sanierte man die ehemalige Scheune, bei der es sich um ein ortsbildprägendes und identitätsstiftendes Gebäude handelt. Dieser Teil der „Dorflinde“ dient heute als Gemeinde- und Veranstaltungssaal. Obwohl die ehemalige Scheune, nach Aussage von Reinhard Streng, eigentlich zu klein sei, wurde sich aufgrund der Bedeutung jedoch trotzdem für die Nutzung entschieden. Nicht nur bei der Konzeptionierung, sondern ebenfalls während der Bau- und Sanierungsarbeiten und dem heutigen Betrieb der „Dorflinde“ ist die Beteiligung der Bürger*innen wichtig. Ehrenamtliches Engagement spielt weiterhin eine große Rolle, wobei die Gemeinde als Träger und Eigentümer stets die treibende Kraft war und ist. Die Finanzierung setzte sich aus Fördergeldern sowie privaten und kommunalen Mitteln zusammen. In
Kooperatives Konzept zur Aktivierung von Innenentwicklungspotenzialen im Landkreis Northeim
Kooperatives Konzept zur Aktivierung von Innenentwicklungspotenzialen im Landkreis Northeim Kreis und Gemeinden nehmen „Lupenräume“ gemeinsam in den Blick Bei einem Besuch beim Landkreis Northeim lieferten uns Julia Gogrewe und Alexander Schramm spannende Einblicke, auf welche Art und Weise der Landkreis gemeinsam mit den Kommunen das Thema der Innenentwicklung in den Blick nimmt und die Aktivierung von Potentialflächen organisieren will. Julia Gogrewe ist gelernte Bauzeichnerin, studierte im Anschluss Architektur und ergänzte ihre Ausbildung durch einen Abschluss im Studiengang Städtebau. Sie arbeitete in freien Architektur- und Planungsbüros und absolvierte zudem das Städtebaureferendariat beim Land Nordrhein-Westfalen Danach übernahm sie verschiedene kommunale Leitungspositionen in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. Seit Februar 2021 ist sie Dezernentin für Bauen und Umwelt beim Landkreis Northeim. Ihr Kollege Alexander Schramm ist ebenfalls seit 2021 beim Landkreis beschäftigt. Hier war er anfangs noch im Bereich Straßenverkehr und Mobilität mit dem Schwerpunkt auf den öffentlichen Personennahverkehr tätig, bevor er im September 2022 zum internen Fördermanagement wechselte. Er ist studierter Geograf und hat im Anschluss einen Master in Regionalmanagement und Wirtschaftsförderung absolviert. Seit November 2024 ist er mit dem Projekt „Interkommunales Projekt- und Fördermanagement Aktive Innenentwicklung“ befasst. „Dem Thema Leerstand wollten wir uns zu Beginn des Projekts gemeinsam mit den Städten und Gemeinden intensiver widmen, haben aber schnell gemerkt, dass wir uns damit aufgrund der Berücksichtigung des Datenschutzes verheben. Wir wollten mit den vorhandenen Personalressourcen gemeinsam Erfolge erzielen und der Politik den Mehrwert von Innenentwicklung vor Außenentwicklung durch konkrete Konzepte und anschließende Aktivierung von Innenentwicklungspotenzialen aufzeigen. Es wurde deutlich, dass die Erhebung und Beseitigung von Leerständen eine aufwendige Daueraufgabe darstellt, der wir uns personell (noch) nicht stellen konnten.“ (Julia Gogrewe) Motiviert durch eine Teilnahme an der Förderinitiative „Aktive Regionalentwicklung“ als Teil des Bundesprogramms „Region gestalten“ nahm der Landkreis Northeim bei der Erstellung eines Strategischen Regionalentwicklungskonzepts (SREK) das Thema Innenentwicklung gezielt in den Blick. Die Leerstandsthematik wird bei der Innenentwicklung stets mitberücksichtigt, stellt aber nicht den Kerninhalt des SREK dar. Bei der genauen Betrachtung der identifizierten Entwicklungspotenziale fällt aber auf, dass Innenentwicklung und die Aktivierung von minder- und untergenutzten Flächen sowie Leerstand oft Hand in Hand gehen. Eine gezieltere Betrachtung leerstehender Gebäude und den bedarfsgerechten Umgang damit verliert der Landkreis zusammen mit den Städten und Gemeinden nicht aus den Augen und arbeitet gemeinsam an praktikablen sowie nachhaltigen Lösungen. Erfahrungen und Erkenntnisse aus dem Modellvorhaben sowie Einblicke in die aktuelle Arbeit gewährten uns Julia Gogrewe und Alexander Schramm in einem Interview. Leiterin des Dezernats Bauen und Umwelt Julia Gogrewe und Mitarbeiter im Fachbereich Kreis- und Regionalentwicklung Alexander Schramm im Kreishaus Northeim Das Bundesprogramm „Regionen gestalten“ vom Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen (BMWSB) ging im Jahr 2019 an den Start. Das Ziel war und ist: Regionen nachhaltig und zukunftsstark zu entwickeln und regionale Disparitäten abzubauen. In enger Zusammenarbeit mit dem Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) förderte das BMWSB verschiedene Modellregionen in ganz Deutschland mit unterschiedlichen thematischen Schwerpunkten. Ein Überblick über die geförderten Modellregionen und Vorhaben befindet sich auf der Webseite von „Region gestalten“. Für den Landkreis Northeim sind insbesondere die Förderinitiativen „Aktive Regionalentwicklung“ und „Absorptionsfähigkeit stärken“ von Bedeutung. Das Modellvorhaben „Aktive Regionalentwicklung“ wurde von 2021 bis 2024 in 16 Modellregionen durchgeführt. Adressiert waren insbesondere strukturschwache ländliche Räume. Das Ziel des Modellvorhabens war es, regionale Akteur*innen der Regionalplanung und -entwicklung stärker zu vernetzen, regionale Kooperationen zu identifizieren und zu stärken, spezifische Bedarfe der Region zu erkennen und sie mit Hilfe der Entwicklung eines Strategischen Regionalentwicklungskonzepts (SREK) gezielt zu einem Teil der regionalen Agenda zu machen. Basierend auf dem Modellvorhaben startete die aufbauende Förderinitiative „Absorptionsfähigkeit stärken“ mit einer Laufzeit von 2024 bis 2027. Der Kerninhalt liegt im Aufbau einer effizienten Fördermanagementstruktur in der Region und somit in der Gewährleistung der Umsetzung des Strategischen Regionalen Operativen Programms (SROP), das im Zuge des Förderlaufzeitraums von jeder teilnehmenden Region erstellt werden muss. Hierbei handelt es sich um die konkreten Handlungsansätze und Maßnahmen, die sich aus den Inhalten des SREK ableiten lassen. Erfahrungen und Erkenntnisse aus den beiden Modellvorhaben Wie Julia Gogrewe berichtete, befindet sich der Landkreis Northeim hinsichtlich der regionalen Entwicklung derzeit in einem Prozess der Neuausrichtung und Konzeptionierung. Dies zeigt sich vor allem in der Neuaufstellung des Regionalen Raumordnungsprogramms (RROP) und der erstmaligen Erstellung eines Wohnraumversorgungskonzeptes. Da kam das Modellvorhaben „Aktive Regionalentwicklung“ gerade zur richtigen Zeit. Mit der Entwicklung und Formulierung des SREK konnte sich der Landkreis Northeim bereits neu justieren und Handlungsperspektiven über einen längeren Zeitraum schaffen. Den Kern des SREK bildete die Identifizierung von Innenentwicklungspotenzialen im Landkreis, die in ein kreisweites digitales Innenentwicklungskataster überführt wurden. Demnach verfügt der Landkreis über 324 Hektar an Flächenpotenzial für die Innenentwicklung in Bebauungsplänen und innerhalb der im Zusammenhang bebauten Ortsteile. Bei relativer Betrachtung bezogen auf die Einwohnerzahl haben nicht die Mittelzentren das größte Potenzial, sondern die kleineren Kommunen. Diese Arbeit erfolgte nach der Gründung des Steuerungsgremiums, in welchem u.a. Vertreter*innen aller Kommunen des Landkreises aktiv mitarbeiten. All dies führte neben der Sensibilisierung der kommunalen Akteur*innen für die Bedeutung der Innenentwicklung vor Außenentwicklung zu einem aktiven interkommunalen Innenentwicklungsmanagement für den Landkreis Northeim. Die Nutzung des Katasters befähigt die Kommunen zu qualifizierten Aussagen über einzelne Flächen und beschleunigt sowie verbessert somit die Beratung von Kauf- und Bauwilligen. Aus dem Kataster gehen zudem die sog. „Lupenräume“ hervor, die gemeinsam mit den jeweiligen Städten und Gemeinden identifiziert wurden. Für diese Potenzialflächen gilt die Prämisse, diese bedarfsorientiert und zukunftsfähig zu entwickeln. Die für diese Flächen seitens eines begleitenden Planungsbüros entworfenen Konzeptskizzen beinhalten zumeist die Themen Wohnen, Pflege und Schaffung von Freiraumqualitäten. Insbesondere barrierefreier, oftmals gemeinschaftlich orientierter Wohnraum mit Umfeld- sowie Aufenthaltsqualität soll als Entwicklungsziel im Fokus stehen. Dadurch können Umzugsketten angestoßen werden, was zur Freisetzung von Bestandsimmobilien führt. Dies wiederum kann den Landkreis attraktiver machen, insbesondere für Familien und „Rückkehrer“. Ein Maßnahmenvorschlag aus dem Wohnraumversorgungskonzept ist es, dass auf Ebene der Kommunen – gegebenenfalls auch interkommunal organisiert – ein Innenentwicklungs- und Sanierungsmanagement aufgebaut und etabliert wird. Die Vermeidung von dauerhaftem Leerstand und die Entwicklung von Aktivierungsstrategien für die erfassten Potenzialflächen sowie die Beratung von Eigentümern soll hierbei das Ziel sein. Entwicklungspotenziale im Landkreis Northeim – „Lupenräume“ zur Verdeutlichung der Möglichkeiten und Chancen von
Die Kleinstadt Herzberg am Harz stellt sich mutig und (teilweise) mit Hilfe von außen ihrem strukturellen Wandel
Die Kleinstadt Herzberg am Harz stellt sich mutig und (teilweise) mit Hilfe von außen ihrem strukturellen Wandel Die Stadt Herzberg am Harz mit den vier zugehörigen Erholungsorten Lonau, Pöhlde, Scharzfeld und Sieber liegt am Südrand des Harzes. Der ehemalige Residenzort liegt zu Füßen des mehr als 950 Jahre alten Welfenschlosses. Die innerstädtische Fußgängerzone lässt erahnen, dass es dem Ort in früheren Zeiten an nichts gemangelt hat. Beim Schlendern über die Hauptstraße in Richtung des Marktplatzes offenbaren sich jedoch zunehmende Leerstände. Dass dieses Problem nicht von der Hand zu weisen ist, dessen ist sich die Stadtverwaltung und insbesondere Jörg Bremer von Stadtmarketing der Stadt Herzberg am Harz bewusst. „Es ist ein glücklicher Zufall, dass wir hier eine kritische Masse von jüngeren Menschen haben, die sich tatsächlich getraut haben, ihre Vorhaben zu starten.“ (Jörg Bremer) Simone Standhardt, Mitinitiatorin der neuen Schloss Apotheke, und Jörg Bremer, Initiator des Runden Tisches Herzberg, in der ehemaligen Schloss Apotheke Im Gespräch mit Jörg Bremer und der Simone Standhardt erfahren wir mehr darüber, welche Maßnahmen die Stadt und vor allem die Bürger*innen von Herzberg ergreifen und wo bereits Entwicklungen zu verzeichnen sind. Simone Standhardt, ist als Stadtjugendpflegerin tätig und gehört ehrenamtlich selbst zu den Gestalter*innen der Stadt und erzählt von der Umnutzung der alten Schloss Apotheke zu einem Ort, an dem sich Menschen unterschiedlichen Alters aus Herzberg und Umgebung treffen – und dass jetzt kalte Getränke über die Ladentheke gehen, wo einst Medikamente verkauft worden sind. Die Entwicklung einer Apotheke zu einer Bar mit besonderem Charme, wo gelegentlich auch kleinere Konzerte stattfinden, hat sich allgemein sehr positiv ausgewirkt. Es gibt jedoch Hindernisse, die es ungewiss machen, ob die Menschen auch noch länger hierherkommen können oder der Betrieb nur von kurzer Dauer ist. Auch knapp 100 Meter weiter in Richtung der Bundesstraße, die durch den Ort verläuft, hat sich im „Deutschen Kaiser“ in den vergangenen Jahren viel getan. Die Gaststätte ist zusammen mit der Schleiferei Zwei im Nachbarort Sieber ein weiteres Beispiel dafür, dass Herzberg am Harz eine Stadt ist, in der man nicht aufgibt, sondern alles versucht, um den Menschen ein lebenswertes Umfeld zu bieten. Innenstadtbelebung in Herzberg am Harz: Kultur, Beteiligung und neue Ideen – Bottom-up statt Stillstand Die Eisenbahn brachte Herzberg im späten 19. Jahrhundert einen wirtschaftlichen Aufschwung und machte die Kleinstadt zu einem bedeutenden Bahnknotenpunkt. Wirtschaftlich wurde und wird die Industrie durch Papierherstellung und Metallbearbeitung geprägt. Durch seine Lage fällt die Stadt ins ehemalige Gebiet der Zonenrand-Förderung. Aufgrund der günstigen Verkehrslage sowie der Bedeutung als Grundzentrum und Erholungsort zieht Herzberg – damals wie heute – auch Menschen aus der Umgebung an. Aktuell erhält die Stadt Fördergelder aus dem Sofortprogramm „Perspektive Innenstadt“ des Niedersächsischen Ministeriums für Bundes- und Europaangelegenheiten und Regionale Entwicklung. Wie der Name schon sagt, zielen die Maßnahmen dieser Förderung auf die Entwicklung und Belebung der Innenstadt. Für Herzberg bedeutet dies konkret die Anschaffung eines Kulturcontainers, welcher als mobile Bühne dient sowie kleinere Aufwertungen des Stadtbildes. In diesem Zusammenhang ist auch der „Runde Tisch“ Herzberg entstanden – ein Zusammenschluss von Bürger*innen und Gastronom*innen aus der Innenstadt, Vereinen und Initiativen sowie Vertreter*innen der Stadtverwaltung. Hierbei handelt es sich um ein Beteiligungsformat, welches in den vergangenen Jahren schon zahlreiche Veranstaltungen und Entwicklungsprozesse angestoßen hat. „Die Leute haben durchgehalten und das ist aus meiner Sicht beachtlich und auch für andere sehr wichtig“(Jörg Bremer) Durch den „Runden Tisch“ wird ein glücklicher Umstand klar: Herzberg am Harz verfügt über eine kritische Masse von jüngeren Erwachsenen, zumeist mit einem Altersdurchschnitt zwischen 30-40 Jahren, die etwas an der Ausgangssituation ändern und die Lebensqualität vor Ort verbessern wollen. Auf deren Initiative ist die (geplante) Umnutzung der ehemaligen Schloss Apotheke zu einer Bar im Sinne eines klassischen Bottom-up-Ansatzes eingeleitet worden. Die Stadtverwaltung und Lokalpolitik in Herzberg begrüßen solche Projekte, die der Stadtentwicklung dienen und Leerstände wiederbeleben. Von öffentlicher Seite werden solche Initiativen nach Kräften unterstützt, um die vorhandenen Entwicklungspotenziale gemeinschaftlich zu heben. Die gute Vernetzung der Gestalter*innen vor Ort sowie der enge Dialog mit der Stadt und den Herzberger Bürger*innen bilden eine wichtige Grundlage, um entsprechende Projekte voranzubringen. Im Gespräch wird immer wieder betont, dass kein Konkurrenzdenken unter den Akteur*innen herrscht und alle gemeinsam an einem Strang ziehen. Darüber hinaus verweist Jörg Bremer auf die Verbindungen zum Referat Demografie und Sozialplanung des Landkreises Göttingen unter der Leitung von Regina Meyer, die seiner Meinung nach eine wichtige Rolle für die Entwicklung der Region spielen würde. Viele Apotheken, zu wenig Kneipen – eine neue Nutzung für die ehemalige Schloss Apotheke Das Gebäude in der Fußgängerzone von Herzberg am Harz war anfangs eine Druckerei, ist zwischendurch noch anderweitig genutzt worden und war danach jahrelang die Schloss Apotheke. Insofern hat das aus dem späten 19. Jahrhundert stammende Haus eine bewegte Vergangenheit. Ende des Jahres 2023 beschloss der „Runde Tisch“ Herzberg das sog. „Winterglühen“ zu veranstalten. Es handelt sich hierbei um eine Veranstaltungsreihe in der Innenstadt, die von Herzberger Bürger*innen, Gastronom*innen und der Stadtverwaltung ins Leben gerufen wurde. In diesem Rahmen öffnete die neue Bar in der ehemaligen Schloss Apotheke erstmals ihre Türen. Der Eigentümer des Gebäudes, der selbst im Obergeschoss wohnt, wollte schon immer eine Kneipe im eigenen Haus haben. Dieser Wunsch wurde an den Vorsitzenden des Vereins ehrenhafter verein e.V. – mit dem Zweck der Förderung von Kunst und Kultur sowie gemeinnützig soziokulturellen Leben und Veranstaltungen im ländlichen Südharz – herangetragen, der selbst Erfahrungen in der Gastronomie hat. Dadurch kamen Eigentümer und Verein zusammen. Der Verein kümmert sich um den neuen Betrieb der Schloss Apotheke, mietet die Gewerbefläche aber lediglich für die geöffneten Tage an. Hierdurch entstehen keine dauerhaften Kosten für den Verein, der nicht über viele finanzielle Mittel verfügt. In den Sommermonaten ist der Barbetrieb in der Schloss Apotheke eingestellt und zu Beginn war sie nur freitags geöffnet. Seitdem ist die neue Bar zu einem regelmäßigen Treffpunkt für Jung und Alt geworden. Hier treffen sich Menschen jeglicher Couleur, beispielsweise junge Menschen mit oder ohne Migrationshintergrund oder auch Frauengruppen. Die Bar zieht nicht nur Menschen aus Herzberg an, sondern auch aus der Umgebung. Was mit dem „Winterglühen“ 2023 und dem „SpringSwing“ 2024 – zwei
Leerstände in historischen Altstädten im Fokus – Die Arbeit des Fachwerk5Eck in Südniedersachsen
Leerstände in historischen Altstädten im Fokus – Die Arbeit des Fachwerk5Eck in Südniedersachsen Mit unserem Besuch in Northeim bei Juliane Hofmann und Imke Heyen vom Fachwerk5Eck haben wir ein sehr spannendes, interkommunales Projekt kennen gelernt. Juliane Hofmann ist studierte Geografin und PR-Beraterin und von Beginn an im Projekt aktiv. Imke Heyen studierte Regionalmanagement und Wirtschaftsförderung an der HAWK in Göttingen und unterstützt ihre Kollegin seit 2020. Beide berichteten über ihre Arbeit, ihre Ansätze und Ziele sowie die Besonderheiten des Fachwerk5Eck. Mit Duderstadt, Einbeck, Hann. Münden, Northeim und Osterode am Harz umfasst die Initiative fünf ländliche Kleinstädte und agiert dabei sogar über Landkreisgrenzen hinweg. Das Fachwerk5Eck hat sich zum Ziel gesetzt, das einzigartige Fachwerk‑Erbe der fünf Städte – sowohl für Bewohner*innen, Bauherr*innen als auch Besucher*innen – regionsübergreifend zu erhalten, wiederzubeleben und zukunftsfähig zu entwickeln. Die Kerninstrumente sind Sanierungsberatung, multimediale Öffentlichkeitsarbeit und Bürgerbeteiligung. „Die Städte haben vor vielen Jahren festgestellt, dass sie ähnliche Voraussetzungen haben: Sie sind alle in Südniedersachsen und haben einen hohen Anteil anFachwerkhäusern aus sechs Jahrhunderten mit einem hohen Denkmalbestand. Sie haben aber auch gleiche Herausforderungen durch beginnenden Leerstand und brauchen dadurch Impulse in der Innenentwicklung.“ (Juliane Hofmann) Juliane Hofmann und Imke Heyen vom Fachwerk5Eck vor dem historischen Gebäude des Heimatmuseums Northeim Das Fachwerk5Eck gründete sich im November 2013 im Rahmen des 4. Südniedersächsischen Fachwerktags durch einen formalen Zusammenschluss der fünf Städte. Ein Thema eint die Beteiligten: Die historische Fachwerkarchitektur, welche für Südniedersachsen typisch ist. Sie stellt für die historischen Stadtkerne der fünf Städte nicht nur eine typische Bauweise dar, sondern leistet auch einen wesentlichen Beitrag zur regionalen Identität und lockt Besucher*innen in die Region. Umso wichtiger ist es, die Altstädte zu pflegen und zu erhalten, denn die Stadtkerne im Fachwerk5Eck sind allesamt von Leerstand bedroht. Dazu kommt, dass sich die meist historischen und unter Denkmalschutz stehenden Gebäude in Privatbesitz befinden und nicht alle Eigentümer*innen in der Lage sind, ihre Immobilien zu erhalten. Somit kommt es an vielen Stellen zum Sanierungsstau. Hier setzen die Kommunen an, um Hausbesitzer*innen zu unterstützen und entsprechende Angebote zu entwickeln. Nach erfolgreicher Beantragung von Fördermitteln aus dem Programm „Nationale Projekte des Städtebaus“ konnte die Arbeit der Geschäftsstelle des Fachwerk5Eck im Jahr 2015 beginnen. Impulse für Innenstädte – Historisches nutzen, Zukunft sichern Die wesentlichen Ziele der Arbeit von Juliane Hofmann und Imke Heyen liegen in der Stärkung der Innen- bzw. Altstädte als wesentliches Element der Stadt- und Regionalentwicklung. In diesem Kontext besteht eine bedeutende Aufgabe darin, das historische Fachwerk als Ausdruck der regionstypischen Baukultur zu schützen und wertzuschätzen. Dadurch kann ein wesentlicher Beitrag zur Förderung der regionalen Identität geleistet werden. Für den Erhalt der historischen Bausubstanz müssen die entsprechenden Objekte jedoch langfristig genutzt werden, z.B. als Wohn-, Arbeits- oder Begegnungsort, was vielfach eine Herausforderung darstellt. Da es sich beim Fachwerk5Eck um einen Zusammenschluss mehrerer Städte handelt, liegt ein wesentlicher Fokus auf der interkommunalen Zusammenarbeit. Kooperationen über die Stadtgrenzen hinweg sollen die nachhaltige Entwicklung der Region fördern und neue Impulse für Tourismus, Wirtschaft und Stadtentwicklung setzen. Um diese Ziele zu erreichen, müssen möglichst viele Akteur*innen in die Planungen einbezogen werden. Durch die Beteiligung verschiedener Zielgruppen (z.B. Bürger*innen, Vereine, Initiativen) soll eine kommunikative Stadtentwicklung umgesetzt werden. Auch die Aktivierung der Nachbarschaften wird bei der Arbeit von Juliane Hofmann und Imke Heyen stets berücksichtigt und als wesentlich für eine gelungene Entwicklung angesehen. Viele Angebote richten sich explizit an Eigentümer*innen und (potenziellen) Käufer*innen historischer Gebäude. Diese sollen untereinander wie auch mit weiteren Akteur*innen vernetzt werden und zu relevanten Themen Beratung erhalten. Ein weiterer Fokus liegt auf der Einbindung von einschlägigen Expert*innen und Architekturinteressierten. Diese erweitern zusätzlich das Netzwerk der Geschäftsstelle und liefern fachspezifisches Wissen beispielsweise zu Fachwerkstilen, möglichen Sanierungstechniken oder generell zur Baukultur. Zu dieser Gruppe können sowohl Privatpersonen als auch ehrenamtliche Akteure und Initiativen zählen. „Unser Grundgedanke ist, die Baukultur der gesamten Region zu erhalten, indem wir durch unsere Beratung weiterhelfen.“ (Imke Heyen) Weitere Zielgruppen sind Tourist*innen und Interessierte von außerhalb der fünf Städte. Durch gezieltes Marketing zu kulturellen Highlights und Freizeitangeboten in den Städten und der Region sollen Menschen angezogen und Begeisterung für Südniedersachsen geschaffen werden. Bei einem Spaziergang durch die Northeimer Altstadt begegnet man vielen eindrucksvollen Fachwerkhäusern, beispielsweise am historischen Entenmarkt … … oder in der Hagenstraße Das Gerodesche Haus in der Marktstraße von Duderstadt beheimatet seit seiner Sanierung eine Kindertagesstätte und bietet darüber Raum für Büros und Mikro-Appartements für junge Menschen (2021 Iris Blank) Maßnahmen zur Stärkung und Nutzung historischer Bausubstanz im Fachwerk5Eck – informieren, fördern und vernetzen Generell wird die Arbeit von Juliane Hofmann und Imke Heyen sehr gut angenommen. Es ist mittlerweile in den Städten und auch in der Region bekannt, dass es die Geschäftsstelle gibt, wofür sie stehen und wie sie weiterhelfen können. „Seitdem wir bekannt dafür geworden sind, kommen auch Menschen aus den Dörfern auf uns zu. Sie haben es manchmal in Bezug auf Fördermöglichkeiten etwas schwerer, aber wir beraten sie auch gerne. Es geht dann oft um Experten, die wir empfehlen können.“(Juliane Hofmann) Das Fachwerk5Eck bietet eine Vielzahl von Angeboten und Maßnahmen an. Hierzu zählen neben den Aufgaben des Tagesgeschäfts immer wieder spezifische Projekte. Mit dem Projekt Wohnraum5Eck wurde beispielsweise eine Informationsplattform für Sanierungsprojekte geschaffen: Sie dient zur Information und zum fachlichen Austausch in Bezug auf z.B. Sanierungsideen, Fördermittel oder Baukultur im Allgemeinen. Nach der Projektphase ist das Wohraum5Eck zum festen Bestandteil der Arbeit und des Angebots des Fachwerk5Eck geworden. Weitere Projekte werden im nachfolgenden Abschnitt vorgestellt. An dieser Stelle folgt eine kleine Übersicht über die Arbeitsschwerpunkte der Geschäftsstelle: Fachwerksprechstunden: Sie finden in allen fünf Städten des Fachwerk5Eck statt und liefern eine kostenlose Erstberatung zu Sanierungs- und Fördermöglichkeiten durch persönliche Ansprechpersonen. Anfangs fanden die offenen Sprechstunden in regelmäßigen Abständen statt. Mittlerweile ist man dazu übergegangen, sie nach Vereinbarung und auf Nachfrage abzuhalten, um eine bessere Planung und Flexibilität zu haben. Projekt- und Fördermittelberatung: Neben der Beratung zu möglichen Förderprogrammen – wie der LEADER-Förderung, der Städtebauförderung, aber auch kleineren Landesförderungen – wurden im Rahmen einer Förderung Modernisierungsideen durch Architekt*innen gewährt. Öffentlichkeitsarbeit und niedrigschwellige Weiterbildungsangebote: Hierzu zählen insbesondere Social-Media-Marketing sowie regelmäßige Informationen über die Angebote im Fachwerk5Eck durch einen Newsletter; aber auch
Miteinander.Deersheim! – Wie aus einem Slogan eine Identität für den Ort geworden ist
Miteinander.Deersheim! – Wie aus einem Slogan eine Identität für den Ort geworden ist In der kleinen Ortschaft Deersheim, die als Teil der Stadt Osterwieck im Landkreis Harz (Sachsen-Anhalt) liegt, öffnete im Jahr 2016 der neue Dorfladen seine Türen – als Reaktion auf die Schließung der Kaufhalle Ende des Jahres 2012, womit seinerzeit der letzte Nahversorger der Ortschaft wegbrach. Dies stellte insbesondere die ältere Bevölkerung Deersheims vor eine große Herausforderung. Im Rahmen des Forschungsprojektes „ZukunftsWerkStadt – Vision 20Plus – Gemeinsam mehr bewegen“ der Hochschule Harz und des Fraunhofer-Instituts für Energiewirtschaft und Energiesystemtechnik (Fraunhofer IEE) wurden damals erste Überlegungen angestellt, um die entstandene Versorgungslücke zu schließen. In der Ortsmitte ließ sich mit dem Geländekomplex „Edelhof“ schnell ein geeigneter Standort finden. Hierbei handelt es sich um einen aus dem 15. Jahrhundert stammenden Gutshof mit angrenzendem Herrenhaus, in dem lange die kommunale Verwaltung Deersheims ihren Sitz hatte und inzwischen die Kindertagesstätte beheimatet ist. Dieses ortsbildprägende Ensemble mit seiner kleinen Park- und Teichanlage war in der DDR-Zeit eine Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft (LPG) und stand nach der Wende größtenteils leer. Anknüpfend an das Forschungsprojekt „ZukunftsWerkStadt“ wurde von den Bürger*innen Deersheims die Initiative „Miteinander.Deersheim!“ ins Leben gerufen. Diese erarbeitete das Konzept für das weitere Vorgehen im Ort und für den Aufbau eines Dorfladens. Auch die Gründung der Dorfladen-Genossenschaft im Jahr 2014 mit anfangs 89 Mitgliedern ist somit auf diese Initiative zurückzuführen. Die Deersheimer Bürgermeisterin Melanie Huchel zusammen mit Hans-Jürgen Müller „Dann hat unser damaliger Ortsbürgermeister gesagt: Weißt du was, jedes Neugeborene in diesem Ort bekommt sofort eine Genossenschaftsmitgliedschaft und ich zahle die 50 Euro.Wir haben jetzt 182 Mitglieder mit einem Altersdurchschnitt vonunter 60 Jahren und das, obwohl das Dorf sicherlich älter ist.“(Hans-Jürgen Müller) Die amtierende Bürgermeisterin des Ortes Melanie Huchel sowie Hans-Jürgen Müller, ehemaliger Gewerkschaftssekretär, waren treibende Kräfte, die sich maßgeblich für den Dorfladen engagierten. Beide sind eng mit dem Ort verbunden. Melanie Huchel fühlt sich seit früher Kindheit in Deersheim verwurzelt; Hans-Jürgen Müller wohnt bereits seit 40 Jahren in der Ortschaft. Im Gespräch gaben sie Einblicke in die Entstehung und die aktuelle Situation des Dorfladens. Sie berichten, wie sich aus dem Slogan „Miteinander.Deersheim!“ ein starkes Gemeinschaftsgefühl entwickelt hat, welches sich im alltäglichen Betrieb des Mehrfunktionshauses deutlich beobachten lässt. Innenansichten des Dorfladens: Verkaufstheke … … Ladenfläche … … das Café … … und die Mitmachküche Die 300 Quadratmeter große Fläche des Dorfladens – mit Café, Galerie, kleinem Bücherflohmarkt, Mitmachküche und multifunktionalem Beratungsraum – erfüllt mittlerweile deutlich mehr Funktionen als die bloße Abdeckung der örtlichen Nahversorgung. Im angrenzenden Gebäude des Komplexes, der Markthalle – einem ehemaligen und mittlerweile sanierten Ochsenstall – ist auf einer Fläche von 600 Quadratmetern sehr viel Platz für Veranstaltungen jeglicher Art. Beispielsweise finden hier Flohmärkte sowie die jährlichen Frühlings- und Herbstmärkte statt. Aber auch öffentliche Liveübertragungen von Fußballspielen hat es schon gegeben. Darüber hinaus ist es möglich, die Markthalle für Hochzeiten oder andere Feierlichkeiten anzumieten. Platz für Veranstaltungen in der Markthalle: Außenansicht … … und Innenansicht „Im Januar 2016 haben wir auf der Grünen Woche die Förderung gekriegt und im November wurde dieses Objekt eingeweiht. Das wurde sogar vom Ministerpräsidenten eröffnet mit den markigen Worten: Liebe Genossinnen und Genossen! Das war wirklich eine schöne Zeit und wir haben uns alle viel Mühe gegeben.“ (Hans-Jürgen Müller) Ein Projekt mit Rückenwind: Förderprogramme für Deersheim im Überblick Im Gespräch wurde über die Impulse und den Prozess – von der Projektidee bis hin zur Eröffnung im Jahr 2016 unter Anwesenheit des Ministerpräsidenten von Sachsen-Anhalt, Dr. Reiner Haseloff – gesprochen. Im Vordergrund standen darüber hinaus die Finanzierung des Vorhabens und des gesellschaftlichen Engagements, ohne welches der Dorfladen so nicht existieren würde. Aber auch in einer solchen „Cinderella-Story“ laufen nicht immer alle Dinge reibungslos. Es wurden auch aktuelle Probleme und Herausforderungen thematisiert, insbesondere was den Betrieb des Dorfladens betrifft. Die Förderung des Projektes „Miteinander.Deersheim!“ und des Dorfladens setzte sich aus Bundes- und Landesmitteln zusammen. Die Gelder kamen aus dem LEADER-Programm, aus dem Bundesprogramm Ländliche Entwicklung (BULE) vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL), dem Ministerium für Wirtschaft, Tourismus, Landwirtschaft und Forsten (MWL) und dem heutigen Ministerium für Wissenschaft, Energie, Klimaschutz und Umwelt des Landes Sachsen-Anhalt (MWU). Eine weitere finanzielle Basis bilden die Genossenschaftsanteile der Dorfladen eG. Diese kosten 50 Euro pro Anteil und jedes Mitglied der Genossenschaft muss mindestens einen Anteil zeichnen. Es können aber beliebig viele Anteile gezeichnet werden, um die Unterstützung zu erhöhen. Insbesondere diese finanziellen Mittel spielen eine bedeutende Rolle, vor allem für den laufenden Betrieb, aber auch für die Umsetzungsphase des Projekts. Ohne die zuvor genannten Fördermittel wäre die Realisierung jedoch nicht möglich gewesen. Zwischen 2011 und 2013 flossen erstmals Fördergelder in Form von LEADER-Mitteln, vergeben an die Stadt Osterwieck, für die Sanierung des Gebäudekomplexes „Edelhof“. Mit einer Förderung von insgesamt 240.000 Euro konnte zum einen die historische Bausubstanz erhalten werden. Zum anderen ist hierdurch auch der Ortskern aufgewertet worden. Im Zuge dieser Sanierung wurde die Edelhofhalle, als großer Veranstaltungsort für den Ort, geschaffen, aber auch die Gebäudeteile für den späteren Dorfladen und die Markthalle profitierten davon. Rückblickend stellte diese Instandsetzung des Gebäudekomplexes deshalb die Grundlage für die zukünftige Standortentscheidung für den Dorfladen dar, da eine bedeutende Investition somit schon im Vorfeld getätigt worden ist. Das BMEL würdigte das Engagement in Deersheim und wählte „Miteinander.Deersheim!“ als Leuchtturm-Projekt aus. Im Rahmen der Internationalen Grünen Woche (IGW) 2016 in Berlin wurde die Deersheimer Initiative vorgestellt und eine Förderung in Höhe von 150.000 Euro an die Verantwortlichen überreicht. Diese Gelder leisteten einen maßgeblichen Beitrag zum Ausbau und zur Umgestaltung des denkmalgeschützten Gebäudes. Zudem rückte die Würdigung auf der Grünen Woche das Projekt in ein öffentliches Licht und verschaffte ihm große Aufmerksamkeit. Wie bereits erwähnt kamen die initialen Fördermittel, im Rahmen des Forschungsprojektes „ZukunftsWerkStadt“, im Jahr nach der Schließung der örtlichen Kaufhalle. Hierbei handelte es sich um eine Förderung auf Landesebene, die durch das MWL vergeben worden ist. Weitere Fördergelder gewährte 2020 das MWU im Rahmen des Modellprogramms „DorfGemeinschaftsladen“. In diesem Programm ist der Dorfladen Deersheim mit zusätzlichen 91.000 Euro unterstützt worden. Bei der Finanzierung der Initiative und des Dorfladens lässt sich ein Dreiklang aus Kreditfinanzierung, öffentlichen Geldern und Genossenschaftsanteilen erkennen.